Sport : Mehr als eine Elf

In Zeiten hoher Belastung rücken bei Hertha Spieler in den Vordergrund, mit denen niemand gerechnet hat

Stefan Hermanns

Berlin - Oliver Schröder demonstrierte seine überragenden Fähigkeiten am Ball schon kurz nach Spielbeginn. Nicht mal fünf Minuten waren zwischen Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach vorüber, als der Mittelfeldspieler des Berliner Fußball-Bundesligisten sein Kunststückchen zeigte: Der Ball machte genau das, was Schröder wollte. In diesem Fall kreiselte er auf seinem Zeigefinger, fast eine halbe Minute lang. Das Spiel war gerade unterbrochen.

Offensichtlich verfügt Oliver Schröder über Fertigkeiten, die ihm niemand zugetraut hat. Seine Unauffälligkeit war zeitweise so auffällig, dass Herthas Trainer Falko Götz vor der Saison mehr Präsenz von ihm auf dem Platz verlangte: „Manchmal fragt man sich: Hat er gespielt oder nicht?“ Zuletzt hat Schröder: dreimal hintereinander sogar, immer von Beginn an, und alle drei Spiele, je eins im Pokal, im Uefa-Cup und in der Meisterschaft, hat Hertha gewonnen. Man muss das nicht unbedingt für Zufall halten.

„Er war richtig gut auf seiner Position“, sagte Ellery Cairo, der im Spiel gegen Gladbach eben diese Position im rechten Mittelfeld an Schröder abgeben und dafür auf die linke Seite rücken musste. „Olli hat fast jeden Zweikampf gewonnen.“ Gemeinsam mit Pal Dardai legte Schröder das Gladbacher Kombinationsspiel lahm. Das mag nicht immer spektakulär aussehen, erwies sich im Hinblick auf den Ausgang der Begegnung jedoch als äußerst effektiv. Die Borussen waren so schwach, weil Herthas entschlossenes Mittelfeld gar nichts anderes zuließ.

Die neue defensive Stabilität mit nur einem Gegentor aus den vergangenen drei Begegnungen verantworten also zwei Spieler, mit denen vor der Saison niemand gerechnet hat. „Es zeigt, dass wir die zweite Reihe gut besetzt haben“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. Und es zeigt, dass eine Stammelf in der Regel aus mehr als elf Spielern besteht. Als Falko Götz im vergangenen Jahr immer wieder behauptete, Niko Kovac sei nur um Nuancen besser als Pal Dardai, hat ihm das irgendwann niemand mehr geglaubt: weil Kovac immer spielte und Dardai nie. Jetzt könnte es erst einmal umgekehrt sein, obwohl Kovac nach seiner Rückenverletzung wieder fit ist. Dardai hat zuletzt siebenmal hintereinander in der Anfangself gestanden, teils mit Kovac zusammen, teils allein verantwortlich im defensiven Mittelfeld.

„Die Mannschaft hat Selbstvertrauen. Sie sieht, dass sie auch in veränderten Aufstellungen erfolgreich sein kann“, sagte Manager Hoeneß. Trainer Falko Götz hat immer schon darauf hingewiesen, „dass wir nicht mit elf Mann auskommen“. Das scheint sich jetzt, da sich die Belastung durch drei Wettbewerbe für Hertha erstmals verstärkt bemerkbar macht, zu bestätigen. Gegen Mönchengladbach fehlten Gilberto und Yildiray Bastürk, neben Marcelinho die beiden Schlüsselfiguren für Herthas Offensivspiel. Trotzdem stand der Erfolg nie in Frage, oder wie es Kapitän Arne Friedrich ausdrückte: „Wir waren in keinster Weise in der Lage, dass wir das Spiel aus der Hand geben.“

Gegen Gladbach taten sich zudem drei Spieler als Torschützen hervor, die in dieser Hinsicht bisher noch nicht allzu sehr hervorgetreten sind. Malik Fathi erzielte sein erstes Pflichtspieltor überhaupt für Hertha, Ellery Cairo sagt von sich: „Normalerweise schieße ich fast keine Tore“, und Thorben Marx konnte sich in letzter Zeit nicht als Torschütze auszeichnen, weil er gar nicht spielte. Gegen Gladbach wurde er zum dritten Mal hintereinander eingewechselt, eine Viertelstunde später traf er zum 3:0. „Thorben tut das natürlich gut“, sagte Hoeneß. „Er ist durch ein kleines Tal gegangen.“

Das Beispiel Marx zeigt, wie das von Falko Götz praktizierte System aus Belohnung und Disziplinierung funktioniert. Marx hat sich vor ein paar Wochen öffentlich darüber beschwert, dass er zu wenig zum Einsatz komme. Weil Götz solche Einlassungen überhaupt nicht mag, bestrafte er den murrenden Marx fortan mit konsequenter Missachtung. Erst vor einer Woche, im Uefa-Cup-Spiel gegen Halmstad, durfte er erstmals nach zwei Monaten wieder auf den Platz. In letzter Minute wurde Marx eingewechselt. Es war wie ein offizielles Friedensangebot.

Marx scheint die Warnung verstanden zu haben: „Ich weiß, es ist noch ein weiter Weg zurück in die Stammelf.“ Auf seiner Position spielt zurzeit Oliver Schröder, sein bester Kumpel innerhalb der Mannschaft. „Er hat sich festgespielt“, sagt Marx. „Ich habe damit kein Problem.“ Falko Götz wird das gerne hören.

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