Sport : Mehr als nur Weltmeister

Frankreichs Nationalmannschaft gilt als Sinnbild für Integration – doch die Kraft des Fußballs wird zuweilen überschätzt

Christian Tretbar

Berlin - Der Höhenrausch ist verflogen. Er begann, als die französische Fußballnationalmannschaft mit dem Gewinn der Europameisterschaft 2000 ihre Vormachtstellung untermauerte. Für Laurent Joffrin, Redakteur der Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“, war der sportliche Erfolg ein Sieg der multikulturellen Gesellschaft à la française. Die Nationalmannschaft mit ihrem friedlichen Zusammenspiel der verschiedenen Nationen sei ein Beleg dafür, dass für alle Franzosen Globalisierung und Multikulturalität wie eine zweite Natur sei, egal ob im Fußball oder im Alltag. Frankreich sei auf dem gesellschaftlichen Siegeszug. Im November 2005 sieht die Sache anders aus. Die Leistungsträger in der französischen Nationalmannschaft kommen mehrheitlich zwar immer noch aus ehemaligen Kolonialgebieten. Aber von Frankreich als Vorbild für Integration ist nicht mehr die Rede. Seit zwei Wochen randalieren in den Vororten der französischen Großstädte Jugendliche. Autos, Schulen, Kindergärten und Geschäfte brennen. Vor allem Immigrantenkinder gehen auf die Barrikaden. Der Fußball ist am Rande betroffen. Zum Länderspiel am Samstag zwischen Frankreich und Deutschland in Paris werden Störaktionen befürchtet. Die Deutschen reisen mit eigenen Sicherheitskräften an.

Geplant war das alles ganz anders. Es sollte ein Fußballfest werden – mit ein bisschen Anschauungsunterricht für die Deutschen in Sachen Nachwuchsarbeit und Nutzung des Potenzials der Immigranten. Mit diesen Mitteln war den Franzosen 1998 gelungen, was die Deutschen anstreben: Weltmeister im eigenen Land zu werden. Aimé Jacquet gilt als Vater dieses erfolgreichen multikulturellen Experiments. Als er am 16. Februar 1994 das Amt übernahm, lag die französische Fußballnation am Boden. Das Goldene Zeitalter um Jean Tigana und Michel Platini war vorbei. Bei der EM 1992 war in der Vorrunde Schluss gewesen, die Qualifikation für die WM 1994 war verpasst worden. Jacquet wurde berufen, weil er Erfahrung hatte und viele der nachwachsenden Spieler aus Bordeaux, Nantes und Marseille kannte. Er griff bewusst auf das große Reservoir an Spielern aus Einwandererfamilien zurück. Zwei Spielergenerationen standen sich gegenüber. Auf der einen Seite die alte Garde um Jean-Pierre Papin und Eric Cantona, auf der anderen Seite der Einwanderernachwuchs um Zinedine Zidane, selbst algerischer Herkunft. „Ich habe zunächst beide Generationen zusammen spielen lassen, was am Anfang auch sehr gut funktioniert hat“, erklärt Jacquet.

Doch dann kam die EM 1996, und Jacquet spürte, dass die Mannschaft keine homogene Einheit bildete. „Jetzt war für mich endgültig klar, dass die Jungen ran müssen. Deshalb stellte ich die Mannschaft im Laufe des Turniers um.“ Erst im Halbfinale scheiterte sie – im Elfmeterschießen an Tschechien. „Ich wusste, dass ich meine Mannschaft gefunden hatte“, sagt Jacquet im Rückblick.

Die Weltmeister von 1998 waren geboren. Nur wusste das außer Jacquet noch keiner. „Die Zeit nach der EM war die Hölle“, erzählt er. Es gab nur Freundschaftsspiele, und die waren meist mäßig. Unmut kam auf, und die Vereine wollten ihre Spieler nicht mehr freigeben. Gernot Rohr, lange Jahre Trainer in Bordeaux und Kenner des französischen Fußballs, erinnert sich noch gut an diese Zeit. „Nichts, was Jacquet machte, war Zufall, es war alles geplant und wohl überlegt, aber die Kritik war enorm, viele forderten sogar seinen Rücktritt.“ Jacquet hatte jedoch die volle Unterstützung des Verbandes. In aller Ruhe formte er seine Weltmeistermannschaft. Und die Vereine besänftigte er mit vielen Gesprächen. „Letztlich werden in der Nationalmannschaft die echten Stars geboren“, sagte Jacquet ihnen. Als die Vorbereitungen kurz vor der WM vorbei waren, keimte weiter Optimismus in Jacquet auf. Sogar so sehr, dass er eine vorzeitige Vertragsverlängerung mit den Worten ablehnte: „Wenn wir Weltmeister werden, trete ich sowieso zurück.“ Es gab nicht viele, die daran glaubten. Er belehrte sie eines Besseren und trat noch in der Stunde des größten Erfolges zurück. „Ich wollte wieder dorthin, wo über die Zukunft des Fußballs entschieden wird – in die Nachwuchsarbeit“, sagt Aimé Jacquet.

Frankreich war mehr als nur Weltmeister. Das Team galt fortan als Sinnbild gelungener Integration. Diese Interpretation war wohl schon immer übertrieben. Der Fußball ist trotz aller Multikulturalität in der Nationalmannschaft längst nicht die gesellschaftliche Klammer, die alles zusammenhält. „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem auch Fußball nicht mehr weiterhilft“, sagt Nationalspieler Florent Malouda. Lanya Monkaschie von der Stadtverwaltung von Clichy- sous-Bois, dem Pariser Vorort, wo mit dem Tod zweier Jugendlicher vor 14 Tagen alles begann, sieht das ähnlich. „Das Problem ist die viel zu große Chancenungleichheit. Wer unten ist, bleibt unten“, sagt Monkaschi. Sie kümmert sich auch um den Sport in der Gemeinde. „Wir bieten unter anderem Gratisfußballkurse an“, sagt Monkaschi.

Jeden Mittwoch gibt es für rund 350 Kinder und Jugendliche ab sieben Jahren in der Schule Fußballkurse. „Dort lernen sie Grundtechniken und den Umgang mit dem Ball, sie sollen Spaß am Spiel und dem Mannschaftserlebnis haben“, sagt Thierry Dodeman. Er ist Präsident des größten Fußballklubs in Clichy-sous- Bois. 28 000 Einwohner hat die Gemeinde, 300 Jugendliche trainieren in seinem Verein. Auch das Training wird durch die Randale in Mitleidenschaft gezogen. „Wir müssen viel früher als sonst aufhören, damit alle rechtzeitig zu Hause sind, bevor es losgeht“, sagt Dodeman.

Den Sprung nach oben schaffen nicht viele. „Sie lieben das Spiel, aber sie können nicht mit Regeln und Disziplin umgehen“, sagt der Klub-Präsident. Hinzu kommt, dass viele außer dem Sport nichts haben: keine Arbeit, keinen Schulabschluss und vor allem keine Motivation. „Das ist eine negative Spirale, die sich immer weiter dreht, und die kann auch der Fußball nicht aufhalten, nur in Ausnahmefällen vielleicht“, sagt Dodeman.

Eine dieser Ausnahmen ist Lilian Thuram, einer aus Jacquets Weltmeisterteam. Thuram ist in Guadeloupe geboren und wie seine Nationalmannschaftskollegen Thierry Henry und Sylvain Wiltord in den Pariser Vororten aufgewachsen. Als Mitglied im französischen Integrationsrat tritt er für die Belange der Jugendlichen in den Vororten ein. Thuram ist wütend auf den französischen Innenminister Nicolas Sarkozy, der Vorstadtjugendliche als „Gesindel“ bezeichnet hatte. „Ich wurde auch mal so genannt, deshalb nehme ich Sarkozys Worte persönlich“, sagt Thuram. Für ihn geht es um die Frage, wie es zu dieser Gewalt kommen kann: „Die Jugendlichen wollen Arbeit und Chancen.“

Premierminister Dominique de Villepin versucht es jetzt mit einem 100-Millionen-Euro-Sofortprogramm, von dem insbesondere der Sport profitieren soll. Die bisherigen Sportprojekte in Clichy-sous-Bois reichen nicht aus und sind oft improvisiert. Trotzdem ist Monakschi auch ein bisschen stolz darauf, was bisher gemacht wurde: „Unsere Sportprojekte helfen und geben Halt. Auch wenn es im Moment nicht so aussieht.“

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