Sport : Mehr Bewegung zum Ball

Die Nationalmannschaft hat bei der EM zu wenig taktische Disziplin gezeigt Von Gero Bisanz

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Nach der FußballEM in Portugal muss die Frage erlaubt sein: Warum hat sich die deutsche Mannschaft nicht so präsentiert, wie man das nach der WM 2002 erwarten durfte? Warum hat sie nur in einem Spiel über die volle Spielzeit und in einem anderen nur 20 Minuten lang geplante Aktionen mit attraktivem Fußball kombiniert?

Erfolgreich hat die deutsche Nationalmannschaft immer dann gespielt, wenn die Spieler nach Ballverlust und nach Ballgewinn eindeutig erkennbare, geplante und schnelle Aktionen zeigten. Das heißt, wenn die Mannschaft nach Ballverlust die Abwehr schnell und gut organisiert und nach Ballgewinn schnell auf Angriff umgeschaltet und das Spiel auf das Herausspielen von Torchancen ausgerichtet hat. In Portugal war das leider anders. Die Abwehrspieler schoben sich den Ball nach Ballgewinn von links nach rechts und von rechts nach links ohne Raumgewinn und Zielstrebigkeit zu.

Kommen Spieler an der Mittellinie oder in der Angriffshälfte in Ballbesitz, ist die gegnerische Abwehr in der Regel formiert und organisiert. Das heißt, die Abwehrspieler bewegen sich in ihren Positionen und erwarten den gegnerischen Angriff personell kompakt. In den heute üblichen Abwehrstrategien lassen sich die Gegner oft nicht durch Angriffsmaßnahmen auseinander ziehen. Es verschiebt sich immer der gesamte Abwehrblock in Richtung Ballbesitzer, um die Angriffsräume zu verengen. Wenn dann über außen angegriffen wird, der Gegner sich mit seiner Abwehr in diese Richtung verschiebt und den Angreifern kein Durchbruch gelingt, können freie Räume nur durch schnelle Verlagerung zur anderen Seite gesucht und für Torchancen genutzt werden.

Nach Ballgewinn im normalen Spielverlauf sieht man bei erfolgreich und attraktiv spielenden Mannschaften stets ein Angriffsspiel, das durch raumgreifende Ballpassagen und selbstbewusste Einzelaktionen gekennzeichnet ist. Das aber gelingt nur, wenn das Angriffsspiel temporeich und variabel ist, und zwar mit und ohne Ball.

Für ein erfolgreiches Abwehrspiel gelten ähnliche Prämissen. Nach Ballverlust müssen alle Spieler der Mannschaft schnellstmöglich auf Abwehr umschalten. Alle müssen wissen, was sie im Moment des Ballverlustes zu tun haben. Manche Mannschaften bevorzugen ein Mittelfeldpressing, in dem die Abwehrspieler schon in der gegnerischen Hälfte den ballführenden Spieler mit einem oder mehreren Spielern unter Druck setzen. Andere Mannschaften ziehen sich in die eigene Hälfte zurück und erwarten den Gegner dort. Diese Maßnahmen werden je nach Kenntnis über die Spielweise des Gegners angewendet. Sie können aber auch während eines Spiels variiert werden.

Die Anforderungen an alle Spieler sind die, die schon immer Gültigkeit besaßen, ganz gleich, mit welchem System gespielt wird. Der ballführende Spieler muss von dem am nächsten zu ihm stehenden Abwehrspieler spätestens an der Mittellinie unter Druck gesetzt werden. Es darf aber kein Alibi-Abwehrverhalten sein, in dem sich Spieler in Richtung Ball bewegen, zwei bis drei Meter vor ihm stehen bleiben und ihn agieren lassen. Gerade das war bei einigen deutschen Spielern während der Europameisterschaft in Portugal leider allzu oft zu sehen.

Gero Bisanz war Cheftrainer der Frauen-Nationalmannschaft und Leiter der Trainerausbildung des Deutschen Fußball-Bundes.

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