Sport : Mehr Druck, aber keine Alternative

Die Uefa stellt vor der EM 2012 Bedingungen an die Ausrichter Polen und Ukraine – andere Länder kommen angeblich nicht infrage

Matthias Sander[Bordeaux]

Die Tagesordnung, die sich das Uefa-Exekutivkomitee (Exko) an seinem zweiten Sitzungstag in Bordeaux vorgenommen hatte, war ambitioniert. Drei Stunden waren gestern Vormittag angesetzt, um mehrere wichtige Entscheidungen im Kreis der 15 Mitglieder des Gremiums zu besprechen. Vor allem aber sollte ein Uefa-Bericht Aufschluss darüber geben, inwieweit Polen und die Ukraine imstande sind, die Europameisterschaft 2012 zu organisieren. Mehr als zwei Stunden später als geplant äußerte sich Uefa-Präsident Michel Platini schließlich zu den Ergebnissen. Seine Aussagen waren klar und unmissverständlich, der Präsident aber wirkte nicht eben kraftvoll. „Warschau und Kiew sind die ausschlaggebenden Stadien. Ohne die Hauptstädte gibt es keine Europameisterschaft, das ist die Conditio sine qua non“, sagte Platini mit Blick auf die schleppenden Baufortschritte in beiden Städten.

Vor allem die Sanierung des Stadions in Kiew hinkt den Plänen hinterher. „Wenn wir kein Stadion in Kiew haben, werden wir nicht in die Ukraine gehen“, betonte Platini. Eine Uefa-Erklärung, die das Exko einstimmig beschlossen hatte und die Platini verlas, nannte vier weitere Bedingungen. Beispielsweise müssen die Flughäfen in den EM-Städten internationalen Standards entsprechen. Diesbezüglich stand besonders die Ukraine in der Kritik.

Zudem behält sich die Uefa das Recht vor, die Austragungsorte von acht auf sechs Städte zu reduzieren. In welchen Stadien gespielt wird, will die Uefa nach Aussage Platinis im Mai 2009 entscheiden. Zudem werde es „nicht unbedingt die gleiche Anzahl an Wettkampfstätten in beiden Ländern“ geben. Schließlich forderte die Uefa die Regierungen Polens und der Ukraine auf, ihre nationalen Verbände zu unterstützen und die der Uefa gegebenen Versprechen hinsichtlich Unterbringung und Verkehr zu erfüllen. „Jegliches Nachlassen“ in den Anstrengungen beider Länder könne die „Organisation dieses Turniers in beiden Ländern infrage stellen“, heißt es in der Erklärung.

Einen Plan B gibt es nach offiziellen Angaben aber nicht. „Es gibt keine Notlösung“, sagte Platini. Die Modelle, dass Polen die EM alleine oder, wie Anfang der Woche in einigen Medien kolportiert, zusammen mit Deutschland organisiert, sind für die Uefa nach eigenen Angaben kein Thema. Auch eine Vergabe an ein anderes Land, etwa an Italien, den ursprünglich unterlegenen Mitbewerber um die EM 2012, oder, wie im Sommer diskutiert, an Spanien, stünden nicht zur Debatte. „Es wäre einfach gewesen, nach Deutschland oder Spanien zu gehen. Wir aber haben uns für Polen und die Ukraine entschieden, und zu 99 Prozent klappt das auch“, sagte Platini.

Mit der gestrigen Erklärung stellt die Uefa den geplanten Gastgebern der kommenden EM zum wiederholten Mal Bedingungen. Schon im Januar 2008 hatte Platini Polen und die Ukraine verwarnt und zu „signifikanten Verbesserungen“ aufgefordert. Damals stellte das Exko einen „praktischen Stillstand“ der Infrastrukturmaßnahmen fest. Der gestern präsentierte Uefa-Bericht zog als Fazit der Expertenbesuche im Sommer in beiden Ländern, dass es Fortschritte gebe, die jedoch „weder einheitlich noch konstant“ seien.

Bis zur endgültigen Entscheidung Mitte nächsten Jahres wird das Prozedere also das gleiche bleiben. Die Uefa-Beobachter in Polen und der Ukraine werden „täglich, wöchentlich, monatlich Bericht erstatten“, sagte ein erschöpft wirkender Platini.

Einen souveränen Eindruck hinterließ die Uefa in Bordeaux auch insgesamt nicht. Hinter vorgehaltener Hand wird längst eingestanden, dass die Entscheidung für Polen und die Ukraine im April 2007 ein Fehler war. (mit dpa)

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