Sport : Mehr Druck, weniger Zeit

Warum im Fußball die Verletzungen schwerer werden

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Von Martín E. Hiller

Berlin. Muskelbündelrisse, Knochenbrüche und natürlich die langfristigste, die Mutter aller Fußballverletzungen, der Kreuzbandriss – die großen Fußballnationen wurden schon vor der Weltmeisterschaft von einer derartigen Verletzungsmisere heimgesucht, wie sie selbst am Ende der Saison ungewöhnlich war. Infolgedessen fuhren diverse Leistungsträger entweder gar nicht oder angeschlagen und ohne Spielpraxis nach Japan und Südkorea – um mit ihren hoch gelobten Teams vorzeitig auszuscheiden: der Weltfußballer Zinedine Zidane mit Frankreich, der elegante Juan Sebastian Verón mit Argentinien und der Zauberer Luis Figo mit Portugal. Auch der strapazierte italienische Spielmacher Francesco Totti schied früh aus und ist erneut am Knie verletzt.

Nach all jenen schwachen Auftritten hat es auch der Letzte gemerkt: Es sind der Fußballspiele zu viele, der Terminkalender muss gestrafft werden. Mit der Abschaffung der Zwischenrunde der Champions League (2003/04) wurde zwar trotz eines schwer nachvollziehbaren Vetos von Dortmunds Präsident Gerd Niebaum der notwendige Anfang gemacht. Doch bevor die hehren Absichten in die Tat umgesetzt werden können, geht es mit den Verletzungen munter weiter. Während sich der Leidensweg des lange verletzten Nationalspielers Marko Rehmer – sein Verein Hertha BSC wirft dem Deutschen Fußball-Bund noch immer vor, die Verletzung durch übermäßiges Training verschleppt zu haben – dem Ende zuzuneigen scheint, häufen sich anderswo die Ausfallmeldungen. Womit nicht die alltäglichen Verletzungen wie Muskelfaserrisse oder Zerrungen gemeint sind, die ihrem Inhaber lediglich ein, zwei Wochen Pause bescheren. Die Rede ist von Blessuren, die auszukurieren man mehrere Monate braucht. Wie der Innen- und Außenbandriss bei Roque Santa Cruz vom FC Bayern, der den Paraguayer zum dritten Langzeitrekonvaleszenten nach Bixente Lizarazu und dem anscheinend ewigen Patienten Sebastian Deisler macht.

Dabei sind die Bayern beileibe nicht die Einzigen, die monatelang auf einen oder mehrere wichtige Spieler verzichten müssen. Vielmehr hat bald jeder Erstligist „seinen Deisler“: Nürnberg fehlt Jacek Krzynowek, Mönchengladbach Arie van Lent, Kaiserslautern Marian Hristov, Bremen Manuel Friedrich, 1860 München Roman Tyce, Leverkusen Jens Nowotny (alle Kreuzbandriss), Dortmund Marcio Amoroso (Achillessehnenentzündung), Bielefeld Dirk van der Ven (Mittelhandbruch beim Rasenmähen), Hamburg Sergej Barbarez (Innenbandabriss im Knie) - man kommt kaum mit dem Umblättern der Videotextseiten nach, so schnell verletzen sich die Spieler.

Woher kommt diese Anhäufung von Verletzungen? Thorsten Dolla, anerkannter Sportorthopäde aus Berlin, sieht die Ursachen hierfür vor allem in der Vielzahl der Pflichtspiele und dem finanziellen Druck, unter dem die Profis stehen. „95 Prozent reichen heute nicht mehr aus. Die Spieler bekommen mehr Geld als früher und wollen ihren Stammplatz unbedingt behalten. Um sich in dem unheimlich schnellen Spiel zu behaupten, müssen sie hart spielen“, sagt Dolla. Harte Spiele, aber wenig Zeit, zu regenerieren – das scheint der Hauptgrund für die Anhäufung von schweren Verletzungen in Europas Eliteligen zu sein. Wilfried Kindermann, der ehemalige Chefarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, beklagt schon seit langer Zeit, dass es heutzutage „keine englischen Wochen, sondern Monate“ gibt (siehe Interview auf dieser Seite). Die größte Belastung haben naturgemäß jene Spieler, die so gut wie nie eine Pause bekommen, weil sie für die Mannschaft zu wichtig sind oder weil die Größe des Kaders schlichtweg keine Rotation zulässt. Mit der Anzahl der Spiele nimmt dann auch das Verletzungsrisiko zu, wenn auch festgestellt werden muss, dass Kreuzbandrisse und Knorpelschäden kein Phänomen des dritten Jahrtausends sind.

Nichts völlig Neues, meint auch Ulrich Schleicher. „Bei Erich Ribbeck haben auch viele Spieler abgesagt“, sagt der Mannschaftsarzt von Hertha, der wie Kindermann zwischen muskulären Verletzungen aufgrund von Überbelastung und Blessuren, die aus einem Zweikampf herrühren, deutlich differenziert. Dass beim Fußballspielen Verletzungen entstehen, liegt auch für Dolla in der Natur der Sache: „Es war nun mal schon immer ein Kampfsport, bei dem körperliche Angriffe nicht auszuschließen sind.“

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