Sport : Mehr Emotionen, bitte

Vor dem Grand Prix in Italien sind die Ferrari-Fans zurückhaltend – der Weltmeister soll das ändern

Karin Sturm[Monza]

Zumindest während der Trainingstage waren die Tribünen im Autodromo Nazionale von Monza nicht gerade gut gefüllt, die Stimmung war daher nicht unbedingt enthusiastischer als sonst. Und das, obwohl doch Michael Schumacher und Ferrari mit den gewonnenen WM-Titeln in der Fahrer- und Konstrukteurswertung zum Heimspiel erschienen waren. Echte Partystimmung kam erst auf, als Ferrari im Qualifying beide Autos unter die ersten Drei brachte. Der Brasilianer Rubens Barrichello fuhr auf Platz eins, Weltmeister Michael Schumacher auf Rang drei; dazwischen schob sich der BMW-Williams-Pilot Montoya.

Das Ergebnis nahmen die Tifosi auf der Haupttribüne zum Anlass, ein großes rotes Stoffherz mit Ferrari-Wappen zu entfalten. Ferrari hofft nun, im Rennen am heutigen Sonntag noch einmal besser zu werden. Denn in Italien will man sich auf keinen Fall einen solchen Ausrutscher leisten wie vor zwei Wochen in Belgien, als man überraschend Kimi Räikkönen und McLaren-Mercedes den Vortritt lassen musste. Schließlich ist der Heim-Grand-Prix für Ferrari auch und gerade in der so erfolgreich verlaufenen Saison 2004 ein besonderes Rennen.

Auch für Michael Schumacher persönlich, der sich mit speziellem Design – der italienischen Flagge an seinem Helm – bei seinen Fans bedanken möchte, „denn ich verdanke Italien doch sehr viel“. Aber auch der Engländer Ross Brawn, der Ferrari-Technikchef, hält den Grand Prix in Monza für etwas ganz Spezielles. Nicht etwa das englische Silverstone oder das nur 60 Kilometer vom Ferrari-Werk in Maranello entfernt gelegene Imola bezeichnet er als sein Heimrennen, sondern Monza. Und das aus gutem Grund. „Weil dort die Stimmung, die Leidenschaft für das Rennen am größten ist.“ Brawn geht bei seiner Schwärmerei gern noch etwas mehr ins Detail. „In Monza kommt man sich doch oft beinahe vor wie in einem Fußballstadion. Es gibt zwar auch in Imola einen gewissen Enthusiasmus, aber er ist reservierter. Letztes Jahr hatte ich das Glück, hier in Monza auf dem Podium stehen zu dürfen. Da sah man nur Menschenmassen. Wir werden alles tun, um das am Sonntag auch zu erreichen.“

Gut möglich, dass Brawn und Schumacher dafür wieder einmal eine ihrer Hauptfähigkeiten ausspielen müssen: ihr besonderes Talent für die Rennstrategie. Denn nachdem sich Ferrari nach einigem Hin und Her aus Sicherheitsgründen doch entschlossen hatte, jenen Reifentyp, der Schumacher beim Testen bei Tempo 345 um die Ohren geflogen war, nicht einzusetzen, klappte es mit der gewünschten Pole-Position für den Weltmeister nicht. In solchen Strategiebesprechungen herrscht zwischen den beiden, die bei allen sieben Schumacher-Weltmeistertiteln zusammengearbeitet haben – auch schon bei Benetton – , die perfekte Partnerschaft. „Wenn ich Michael etwas vorschlage, und er sagt ,Nein’, dann versuche ich, ihn mit Argumenten zu überzeugen. Aber er hat auch, ehrlich gesagt, noch nicht oft ,Nein’ gesagt. Manchmal ist er sogar risikofreudiger als ich. Er hat eine neue Idee, die er ausprobieren möchte, während ich eher zögere.“ Dann gebe Michael Schumacher, sagt Brawn, keine Ruhe, verfolge sein Ziel mit Hartnäckigkeit, weil er es unbedingt probieren möchte. Eine seiner größten Stärken soll dabei sein, dass er nicht einfach seinem Mitarbeiterstab autoritär Befehle erteilt, sondern kommuniziert.

Ein kleines Geheimnis gab Brawn jetzt auch preis: Es gebe einen Punkt, an dem sich auch Schumacher selbst ab und zu mal irre – oder zumindest nicht ganz so perfekt sei, wie es seinem sonstigen Niveau entspreche. „Es mag komisch klingen, aber Michael scheint keine besonders schnellen Reaktionen zu haben.“ Man merke das insbesondere an seinen Starts: „Wir simulieren das immer wieder mit aufleuchtenden Lichtern und Knöpfen, die man drücken muss, und da ist Michael nie besonders schnell." Warum er aber so perfekt auf sein Auto reagiere, es in kritischen Situationen noch abfangen, Abflüge verhindern könne? „Das ist doch etwas ganz anderes, das ist eine instinktive, automatische Reaktion, das ist Teil seines Talents.“ Um das zu bewundern, werden in letzter Minute sicherlich noch einige Tifosi einen Teil der 40 000 Karten kaufen, die es für den Rennsonntag noch gab.

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