Sport : Mehr Hiphop, Hoeny!

Ein Selbsterfahrungskurs in 17 LektionenVon Christ

Schade, dass die Mannschaft der Hertha keine Rapper-Gang ist. Dann würden die Gegner nur so weggedisst und mit aggromäßigem Wir-sind-die-Geilsten-Selbstvertrauen torreich vom Platz gespielt. Die Gangsta-Rap-Herthaner würden die unterhaltsamsten Interviews geben, permanent Nasenbeinbruch-Masken in Gold tragen und das Olympiastadion wäre jedes Mal ausverkauft, wenn die einzige Rapper-Gang der Fußball-Bundesliga pompös und taktisch eingeschworen durchs Stadion cruist.

Was Fußballer vom Hiphop lernen können, ist der unbeugsame Glaube an die eigene Geilheit und der Zusammenhalt der Clique. Offiziell liegt in der Ermangelung genau dieser beiden wichtigen Hiphopper-Attribute Herthas derzeitige Schwäche: kein Selbstvertrauen, die Spieler untereinander verkracht. Angeblich ein Generationenproblem.

Dabei ist Hertha BSC tatsächlich der einzige Bundesliga-Verein mit echtem, wertvollem Hiphop-Gang-Potenzial. Und der liegt in der Jugend des Clubs. Die besten jungen Hertha-Spieler kommen aus Berliner „Gegenden, wo es auf der Straße rauer zugeht“ (Zitat Dieter Hoeneß vom 28.1.06). Wie Sido! Manche Spieler tragen eine natürliche Wut in sich, die sie unbändig am Gegner auslassen. Wie Wu-Tang! Alle fahren schwarze S-Klassen. Wie 50 Cent! Sie haben keinen Respekt vor den älteren Stammspielern. Wie Eminem!

Eine schillernde Nachwuchskonstellation voll rauer doch beherzter Angriffslust, die sich da auftut, abgehärtet auf den Straßen der Hauptstadt, bereit für den Fußballverein der Hauptstadt. Da muss doch jedem Manager vor Freude ein „Yo“ aus dem Hintern fahren.

Wieso ist auf dem Rasen trotzdem nichts von kräftigem Hiphop zu spüren? Weil Dieter Hoeneß es nicht peilt. Weil er den Streit der Generationen zur falschen Seite hin schlichtet und dabei selbst zum Generationenproblem wird.

Altmeister Niko Kovac meckert in der Sportschau, einige junge Mitspieler hätten zu wenig Respekt vor ihnen, den Erfahrenen, sie wollten nichts dazu lernen. Kovac beweist so eindrucksvoll, dass man im Fußball mit erst 34 schon Rentner zu sein scheint. Der 18-jährige Stürmer Solomon Okoronkwo kontert sinngemäß, wenn die Alten so arrogant aufträten, hätte man auch keinen Bock, ihnen Ehrfurcht zu zollen. Wer schon einmal nach einem Schulwechsel neu in eine bestehende Klassengemeinschaft gekommen ist oder als Azubi arbeitet, weiß, was Okoronkwo meint. Doch schließlich stürmt der junge Solomon bereits für die Profimannschaft. Und wieder ist es dieser Hiphop-Geist, genau das auch auszusprechen.

Aber anstatt aus dieser selbstbewussten, hungrigen Mentalität des Nachwuchses Profit zu schlagen, sagt Hoeneß in einem Interview: „Hertha ist keine Rapper-Gang!“ Ja, warum denn nicht? „Wehret den Anfängen! Ein gewisser Jargon, gewisse Umgangsformen dürfen sich nicht einbürgern.“ Aha. „Wir machen nicht Musik, wir sind eine Elite im Sport, da sind Werte gefragt.“

Hoeny, schon mal bei einem Hiphop-Freestyle-Battle gewesen? Schon mal „8 Mile“ gesehen? Durchaus Werte, durchaus Sport. Noch ein Zitat: „Wir werden die Ausbildung unserer Nachwuchsspieler um den Bereich Persönlichkeitstraining erweitern.“ Klingt unfassbar spannend und ein bisschen nach „Einer flog über das Kuckucksnest“. Bin sicher, wenn das Persönlichkeitstraining erstmal absolviert ist, ist auch das Olympiastadion wieder gerappelt voll.

Vielleicht haben die Gladbacher ja Lust, uns unseren Rafael zurückzugeben. Im Tausch gegen Anti-Hiphop- Hoeny and his boringness.

Christian Ulmen, 30, ist Schauspieler und Hertha-Fan. Immer wenn Hertha BSC ein Heimspiel hat, erscheint seine Kolumne.

Ein Selbsterfahrungskurs in 17 Lektionen

Von Christian Ulmen

0 Kommentare

Neuester Kommentar