Sport : Mehr Mertesackers, bitte!

Die deutsche Elf aus Sicht eines Brasilianers

Marco Justo Losso[Dortm]

Spätestens nach dem Spiel gegen die USA dürfte klar sein, dass das Problem der Deutschen nicht beim Trainer, sondern bei den Spielern liegt. Natürlich, Deutschland hat durchaus gute Fußballer, die in der Lage wären, den WM-Titel zu holen. Schweinsteiger zum Beispiel, Klose, Lahm, Kahn, Metzelder, sogar Neuville. Das Problem sind die anderen, stellvertretend will ich hier Per Mertesacker nennen. Die deutschen Fans haben in Dortmund eine beeindruckende Geduld mit ihm gezeigt. Wenn wir in Brasilien einem Verteidiger wie Mertesacker zusehen müssten, würde es uns wohl schwer fallen, nicht zu pfeifen.

Es gibt noch einen weiteren wesentlichen Unterschied zwischen deutschen und brasilianischen Zuschauern: Wir schimpfen. Im Westfalenstadion habe ich kaum mal jemanden pöbeln gehört, es war ganz friedlich. Sie haben nur ab und zu die Mannschaft ausgepfiffen – und manchmal Oliver Kahn. Aber dann hat er zwei klasse Paraden gezeigt, und alles war vorbei. Danach haben sie ihn sogar bejubelt. Ich betone noch einmal: Wir sind nicht so geduldig wie die Deutschen.

Aber zurück zu Mertesacker. In Brasilien ist Deutschland für seine Abwehrspieler berühmt. Wenn man die Namen Karlheinz Förster, Ulli Stielike, Klaus Augenthaler, Jürgen Kohler und Franz Beckenbauer im Sinn hat, fällt es schwer, zu verstehen, was Jürgen Klinsmann mit Mertesacker will. So, wie der Hannoveraner gegen die USA aufgetreten ist, würde er in keiner Erstligamannschaft in Brasilien spielen – und ich muss leider anmerken, dass der brasilianische Fußball nicht gerade im Ruf steht, besonders gute Verteidiger hervorzubringen. Wenn ich Mertesacker sehe, stelle ich mir die Frage, warum der beste deutsche Verteidiger nicht spielt.

Okay, Christian Wörns hat Klinsmann öffentlich kritisiert, das hätte er nicht tun sollen. Aber es geht schließlich um den deutschen Fußball, um das Gesicht Deutschlands bei einem Ereignis, das weltweit Aufsehen erregt. Klinsmann sollte sich so bald wie möglich mit Wörns unterhalten und den Streit beilegen, um ein bisschen mehr Erfahrung in die deutsche Abwehr zu bringen. Denn Erfahrung braucht man bei einer WM.

Aber dazu wird es wohl nicht kommen, Klinsmann hat sich schon entschieden. Na gut – aber bitte, Herr Klinsmann, entscheiden Sie sich dann meinetwegen für Baumann und Metzelder und lassen Sie Mertesacker zu Hause! Obwohl … für uns Brasilianer wäre es vielleicht gar nicht schlecht, wenn Jürgen Klinsmann bis Juni noch ein paar Mertesackers auftreiben könnte. Das würde unsere Chancen in einem Endspiel gegen Deutschland bestimmt nicht schmälern.

Der Autor ist Sportredakteur bei der brasilianischen Zeitung „O Estado de Sao Paulo“ und derzeit als Stipendiat der Internationalen Journalisten-Programme (IJP) zu Gast beim Tagesspiegel.

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