Sport : Mehr Orgien!

Moritz Schuller

Was kann man von einem Mann wie Petronius auch anderes erwarten, als den obzönsten Roman der Weltgeschichte? Von jenem Ästhetokraten am Hofe Neros, der, wie Tacitus schreibt, „den Tag mit Schlafen, die Nacht mit Geschäften und Lustbarkeiten, wie das Leben bietet, zubrachte“. Petronius war camp, dekadent nannte man es früher, heute wohl metrosexuell. Nur folgerichtig, dass sein Fragment-Roman „Satyricon“ auch bei Huysmans’ Helden des Esseintes im Bücherregal stand und von Federico Fellini verfilmt wurde: Das erste Jahrhundert nach Christus ist die Lieblingsepoche der Décadence. Vor allem eine Episode, die am besten erhaltene, wurde durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder ausgekoppelt aus jenem auf-Stelle-zu-lesenden Schelmenroman, und schaffte es, als die Schüler noch schweinisches Lateinisches lesen konnten, sogar ins Curriculum: die Cena Trimalchionis im Hause des neureichen Trimalchio. Hundekämpfe, Tänzer, kulinarische Leckerbissen bietet der Gastgeber, verknüpft mit der freundlichen Aufforderung: „Wenn also einer von euch seinem Drang nachgeben will, so braucht er sich nicht zu genieren. Keiner von uns ist verstöpselt geboren. Ich finde, es gibt keine schlimmere Folter, als es zurückzuhalten.“ Das Gastmahl endet mit der berühmten Aufforderung: „Tut so, als wäre ich tot: Spielt was Gefälliges!“ Schon vor dem Essen ein Besuch im Puff, und danach geht’s munter-manisch weiter in diesem antiken Road-Roman: mit den Abenteuern von Enkolpius, Askyltos und dem hübschen Knaben Giton, die die weite Welt Süditaliens durchstöbern. Vom Original-„Satyricon“ ist kaum mehr als ein Fragment übrig geblieben, und doch ein literaturtheoretischer Schatz: Rabelais und Boccaccio pur, ohne Moral und voller Lust. Petronius, der elegantiae arbiter, hat sich 66 n. Chr. in einem fein inszenierten Akt umgebracht – er war bei Nero in Ungnade gefallen. Sein „Satyricon“ ist wieder erschienen, diesmal in einer wunderschön übersetzten Manesse-Ausgabe, ohne Latein.

Petronius: Satyricon. Aus dem Lateinischen übersetzt und mit einem Nachwort von Kurt Steinmann. Manesse Verlag, Zürich. 380 Seiten, 19,90 €.

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