Sport : Mehr reden

Franz Beckenbauer hat nun einen Platz in der Weltregierung des Fußballs

Robert Ide[Zürich]

Er war wieder einmal der Einzige, der aussprach, was alle dachten. Als Franz Beckenbauer durch das neu eingeweihte Fifa-Hauptquartier wandelte, zeigte er ein anerkennendes Lächeln für den prachtvollen Marmorpalast und wies dann auf das einzige Manko der Machtzentrale hin, der auf dem Zürichberg inmitten eines idyllischen Waldgebiets liegt: „Mir fehlt ein bisschen der Blick auf den See.“ Alle lachten, Franz Beckenbauer lachte auch. Und wieder einmal fragten sich alle umstehenden Größen aus der Fußballwelt: Wie macht er das bloß immer? Er selbst verlängerte den Moment seines kleinen Triumphs mit dem freundlich-erstaunten Franz-Beckenbauer-Lächeln. War was?

Zuletzt war eher wenig los rund um Franz Beckenbauer. Nach der freundlich-erstaunlichen Weltmeisterschaft 2006 tourte der Cheforganisator von Preisverleihung zu Preisverleihung. Seinem Tagesgeschäft – ein wenig Expertentum im Fußballfernsehen, ein paar witzige Vorschläge für eine attraktivere Bundesliga und einige Sticheleien gegen die operative Führung des FC Bayern – ging er professionell, aber nicht gerade enthusiastisch nach. Die von ihm vor der WM angestoßene Debatte über die Grenzen des Geldverdienens im Fußballgeschäft ließ er zunächst auf sich beruhen. Vielleicht, weil er sich tatsächlich mehr um sein Privatleben kümmerte, wie er sich selbst gegenüber mehrfach angekündigt hatte. Vielleicht, „weil auch ich lernen musste, etwas geduldiger zu werden“, wie Beckenbauer gestern am Rande des Fifa-Kongresses in Zürich verriet.

Die neu gewonnene Charaktereigenschaft dürfte dem 61-Jährigen bei seiner neuen Aufgabe entgegenkommen, die er am Donnerstag antritt: Beckenbauer wird in das Exekutivkomitee der Fifa einrücken, die Regierung des Weltfußballs. „Franz Beckenbauer soll bei uns als Botschafter des Fußballs arbeiten“, kündigte Fifa-Chef Joseph Blatter an, der sich von der weltbekannten „Lichtgestalt“ einen Werbeeffekt für die Fifa vor der WM 2010 in Südafrika erhofft. Beckenbauer dürfte nun vorrangig in den Entwicklungsländern Afrikas unterwegs sein, ein wenig auf den Spuren seiner Weltreisen vor der Fußball-WM, ein wenig sicher auch zugunsten des deutschen Fußballs. Für den in internationalen Gremien zuletzt blassen DFB ist Beckenbauers Nominierung jedenfalls ein immenser Fortschritt, hatte doch der inzwischen 74 Jahre alte Gerhard Mayer-Vorfelder kaum noch etwas bewegt. Der hat derweil als Uefa-Vizepräsident unverhofft eine neue Aufgabe zugewiesen bekommen: Mayer-Vorfelder soll als Scharnier zwischen DFB-Präsident Theo Zwanziger und dem neuen Uefa-Chef Michel Platini fungieren; beide sind sich nicht gerade in Freundschaft zugetan, müssen aber zusammenarbeiten.

Im Machtgerangel der Fußballfunktionäre ist die Personalie Beckenbauer vorrangig als ein Sieg Blatters zu verstehen. Der hatte als erster Beckenbauers Zögern bei der Besetzung des europäischen Chefpostens in der Uefa erkannt und ihn sogleich für eine repräsentative Funktion in seinem Verband angeworben. So hat der Fifa-Herrscher auch verhindert, dass Beckenbauer, der bei der WM im Gegensatz zu Blatter gefeiert worden war, ihm in näherer Zukunft gefährlich wird. Nun können es beide ein wenig ruhiger angehen lassen, und Blatter freut sich darauf, dass mit Beckenbauer in der neuen prachtvollen Fifa-Zentrale „künftig mehr über Fußball gesprochen wird“ und etwas weniger übers Geschäft. Schade nur, dass es sich dabei nicht auf den Züricher See blicken lässt.

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