Sport : Mehr Sonne für Mütterchen Heimat

Hartmut Scherzer

Mittags ließ die Sonne die goldenen Kuppeln glitzern. Kiew verlor für kurze Zeit sein tristes Grau im November. Auch das Kriegsdenkmal "Mütterchen Heimat", die gigantische weibliche Statue, die die Stadt und den Dnjepr überragt wie der Christus die Copacabana, bekam ein paar Sonnenstrahlen ab. Zu dieser Zeit trainierte die deutsche Nationalmannschaft noch in Heusenstamm in einem Wolkenbruch, ehe sie mit dem Condor-Sonderflug DE 9126 gen Osten aufbrach.

Während des zweistündigen Fluges konnten die Spieler all die Druckparolen und all das Daumendrücken nachlesen, die sie zum ersten der beiden Relegationsspiele gegen die Ukraine am Samstag vor 80 000 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion begleiten. Was sie da über den Wolken von Franz Beckenbauer lasen, war nicht gerade sehr schmeichelhaft, geschweige denn ermutigend. Der "Kaiser" redete nichts schön und sie nicht stark, sondern setzte die Nachfolger seiner Neunziger-Weltmeister gehörig unter Druck. "Sollten wir bei der Weltmeisterschaft 2002 nicht dabei sein, wäre das für unser Image sehr, sehr schädlich." Vor allem auch im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Lande. In dem "Kicker"-Interview mussten die Nowotnys, Rehmers, Ballacks und Bierhofs lesen, dass Spielerpersönlichkeiten fehlten, "wir heute nicht mehr solche Typen haben wie Augenthaler, Völler, Brehme oder Klinsmann". Beckenbauers Zweifel an der mentalen Stärke in dieser Alles-oder-nichts-Situation waren herauszulesen: "Die Mannschaft war mental nicht stark genug, um zu Hause England oder Finnland zu schlagen." Das soll sich ändern? Beckenbauers Botschaft konnte schon deprimieren: "Wir sind von der Weltklasse meilenweit entfernt. Guter Durchschnitt, mehr nicht." Na denn.

Die Aufstellung für das erste der beiden K.-o.-Spiele steht. Nach den Eindrücken der ersten beiden Trainingseinheiten noch im Hessischen hat sich Rudi Völler auf seine Startelf festgelegt. "Rudi und ich sind uns schon einig, wie wir starten werden und wie wir spielen können", ließ der Teamchef den Medien durch Bundestrainer Michael Skibbe vor dem Abflug mitteilen. Allerdings: Diskretion ist geboten. Das Versteckspiel vor dem Gegner verbietet die öffentliche Bekanntgabe. "Erst werden wir die Mannschaft informieren, dann den Gegner überraschen", sagte Skibbe lapidar. Große Geheimnisse freilich gibt es kaum. Nach den Beobachtungen und Eindrücken der vergangenen beiden Tage dürfte Völler vorne als einzige Spitze dem Bayern-Sprinter Alexander Zickler, dem idealen Konterstürmer, vertrauen, mit dem offensiven Dortmunder Mittelfeldspieler Lars Ricken dahinter. Rechts dürfte der quirlige Gerald Asamoah den Vorzug vor Bernd Schneider erhalten. Womit die drei offenen Fragen spekulativ beantwortet wären. Die übrigen acht Posten waren ohnehin vergeben: an Torwart Oliver Kahn, an den Abwehrblock mit Marko Rehmer, Jens Nowotny und Christian Wörns sowie an die Mittelfeldachse mit Carsten Ramelow, Dietmar Hamann, Michael Ballack und Christian Ziege.

Als Vorteil sieht es Skibbe, dass Deutschland nach den beiden Rückschlägen nun nicht als "der absolute Topfavorit" in das Duell mit der Ukraine geht. Die willkommene Außenseiterrolle bestätigt nur Beckenbauers Einschätzung vom Mittelmaß. Die Ukraine der schweigsamen Trainer-Legende Walerij Lobanowski und des Superstürmers Andrej Schewtschenko hat Völler in deren Spielen ausgiebig beobachten lassen.

Die Erkenntnisse wurden in einem viertelstündigen Anschauungsunterricht per Video der Mannschaft vermittelt. Aber Angst und Schrecken verbreiten, wie es scheint, die Aufzeichnungen nicht. Bester Kenner des ukrainischen Fußballs auch ohne Video-Bilder ist Lars Ricken, der in den letzten vier Monaten mit Borussia Dortmund viermal im Europapokal gegen die beiden ukrainischen Spitzenmannschaften Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk gespielt hat. Der Dortmunder gibt sich nach drei Siegen und einem Unentschieden mit dem BVB rundum optimistisch, zumal das Rückspiel ja in Dortmund stattfindet. "Das ist ein Riesenvorteil", glaubt Ricken und verkündete optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass die Serie gegen die Ukraine nicht reißen wird."

Wassili, der Taxichauffeur am Flughafen, ist da ganz anderer Meinung, zumindest, was das erste Spiel angeht. "Ukraine eins, Deutschland null", signalisierte er auf der Fahrt ins Hotel. Und so wie er würde jeder rechtschaffene Ukrainer denken.

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