Sport : Mehr Team als Dream

Früher setzten die USA im Basketball auf Stars – nun ist Deutschlands WM-Gegner Zusammenhalt wichtig

Benedikt Voigt[Saitama]

Am Sonntagnachmittag in Saitama hat die Charmeoffensive der amerikanischen Basketballer einen kleinen Rückschlag erlitten. „Die Spieler kommen alle zurück“, hatten die Journalisten noch von einem Betreuer des US-Teams gehört. Dann warteten sie. Nach 30 Minuten geriet ein Reporter des spanischen Fernsehens in Rage. „Warum lassen wir uns das bieten?“, rief er seinen Kollegen zu, „warum gehen wir jetzt nicht einfach alle?“ Keiner ging.

Die Mannschaft der USA ist die wichtigste Attraktion und der Favorit bei dieser Basketball-Weltmeisterschaft in Japan. „Sie hat eine unglaubliche individuelle Stärke“, sagt Bundestrainer Dirk Bauermann, „keine Mannschaft der Welt kann gegen sie im Eins gegen Eins mithalten.“ Das deutsche Team muss es heute im WM-Viertelfinale (12.30 Uhr, live im DSF) trotzdem versuchen. „Wenn die Amerikaner einen Tag erwischen, an dem sie nicht gut treffen, kann man das Spiel vielleicht offenhalten“, sagt Bauermann. Doch bisher haben sich die zwölf Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga NBA mit den Stars Dwyane Wade, Carmelo Anthony und LeBron James kaum eine Blöße gegeben. Es scheint, als hätten die amerikanischen Basketballer die Lektion der vergangenen vier Jahre verstanden. Seit dem Olympiasieg 2000 in Sydney haben die USA kein wichtiges Turnier gewonnen. 2002 bei der WM in Indianapolis verloren die NBA-Profis erstmals gegen Argentinien und landeten mit drei Niederlagen auf einem enttäuschenden sechsten Platz. Auch die Olympischen Spiele in Athen endeten mit drei Niederlagen und Platz drei frustrierend. „Was zuletzt passiert ist, motiviert uns“, sagt Carmelo Anthony von den Denver Nuggets. Man wolle zeigen, dass diese Ergebnisse nicht der Realität entsprächen. „Mir hat nicht gefallen, wie der US-Basketball dargestellt wurde“, sagt Antawn Jamison von den Washington Wizards, „es hieß, wir seien desinteressiert und arrogant.“ Seine Motivation ist es, diese Wahrnehmung zu verändern. „Ich möchte der Welt zeigen, dass wir auf und neben dem Spielfeld hochklassig sind.“

Bereits beim Aufbau der Mannschaft haben Teammanager Jerry Colangelo und Trainer Mike Krzyzewski ein neues Konzept angewandt. Bestand das Dream Team – so hieß die US-Auswahl von NBA-Stars erstmals 1992 bei den Olympischen Spielen von Barcelona – meist aus zwölf Superstars, legten sie diesmal Wert auf Rollen- und Teamspieler. In Shane Battier von den Memphis Grizzlies und Kirk Hinrich von den Chicago Bulls beriefen sie auch zwei Dreierspezialisten ins Team. Dies war das Manko vergangener US-Teams, kommt doch den Schützen unter den internationalen Regeln des Weltverbandes Fiba größere Bedeutung zu als in der NBA. „International ist das Spielfeld kleiner“, erklärt der deutsche NBA-Spieler Dirk Nowitzki, „deshalb ist es in der Zone immer eng.“ Folglich muss öfter von außen geworfen werden.

Den größten Wert aber legten die USA auf Teamfähigkeit. „Ich weiß nicht, wie das bei früheren US-Teams war, aber wir spielen miteinander und nicht gegeneinander“, sagt Shane Battier, „so denken wir schon seit dem ersten Training und das predigt uns der Trainer seit dem ersten Tag.“ Coach Krzyzewski handelt auch nach diesem Konzept und wechselt fleißig durch.

Auch an der Einstellung wird gefeilt. In der Vorbereitung besuchte das Team zwei Stützpunkte der US-Armee in Südkorea. „Das macht einem bewusst, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Basketball“, sagt Antawn Jamison, „wir sehen Basketball als Spiel an, aber für viele Menschen ist es ein Mittel, um sich von sehr ernsthaften Situationen abzulenken.“ Jamison will seine Landsleute nicht enttäuschen, er glaubt, dass die Bedeutung der WM in den USA gestiegen ist. „Ich denke, dass das hier fast größer ist als die Olympischen Spiele“, sagt der ehemalige Teamkollege von Ademola Okulaja beim Universitätsteam von North Carolina, „die Leute aus der NBA wissen das schon länger, aber nach den letzten Ergebnissen hat auch der Rest der USA die Bedeutung dieses Turniers verstanden.“

Bisher hat das neue US-Team nur in der Vorrunde gegen Italien gewackelt, als es zu Beginn der zweiten Halbzeit mit zwölf Punkten zurücklag und doch 94:85 gewann. Im Achtelfinale gegen Australien gelang ein beeindruckender 113:73-Erfolg. „Die Frage ist, ob wir dranbleiben können“, sagt Nowitzki, „und wie sie dann treffen.“ Hoffnung macht dem deutschen Team, dass es vor zwei Jahren gegen die USA in einem Testspiel erst in letzter Sekunde 77:80 verloren hat. Das Problem ist nur: Das war noch das alte US-Team, ein Dream Team.

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