Sport : „Mein Gott, was war ich für ein Vollidiot“

Der Boxer Jürgen Brähmer über seine Erfahrungen im Gefängnis

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Herr Brähmer, Ihr Trainer Michael Timm hat Sie mal als tickende Zeitbombe bezeichnet. Hat er Recht?

Es ist vielleicht ein wenig heftig formuliert, aber im Kern trifft es schon zu. Sie kennen ja meine Vergangenheit. Es haben sich damals so viele Probleme in mir aufgestaut, tausend Sachen haben mich angewidert, und irgendwann gab es einen Knall.

Haben Sie den Knall kommen hören?

Nein, das war ein schleichender Prozess, ich hab’ es schon ein wenig mitbekommen, aber immer wieder überspielt, so lange es eben ging. Was ich brauchte, war ein einschneidendes Erlebnis. Ich vergleiche das mal mit einem Herzinfarkt.

Heute kämpfen Sie gegen den Südafrikaner André Thysse, und überall wird wieder die Rede sein von dem Boxer, der aus dem Knast kam. Sind Sie besser als Ihr Ruf?

Habe ich einen so schlechten Ruf?

Er ist reduziert auf das Wesentliche. Sie gelten als überragendes Talent, als kommender Weltmeister. Abseits des Rings aber brauchen Sie Hilfe. Sie sind 27 und haben schon zwei Haftstrafen abgesessen.

Das mit dem Talent sollen andere beurteilen, und das mit der Hilfe vergessen Sie mal. Ich brauche keine. Bisher bin ich noch immer selbst aus jeder Situation rausgekommen. Mit 15 habe ich mein Elternhaus verlassen und bin aufs Sportgymnasium nach Schwerin gegangen. Gut, da war ich dann zu faul. Ich weiß, dass ich nicht der bequemste Mensch bin. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, lasse ich es mir nicht so schnell ausreden. Ich bin sehr misstrauisch und muss alles unter Kontrolle haben.

Sie sind also weder dumm noch gutgläubig und bringen auch sonst vieles mit, mit dem man nicht im Gefängnis landen muss. Was ist schief gelaufen?

Manchmal reagiere ich mental über. Auch wenn mich persönlich einer angreift, obwohl ich das wegen meiner boxerischen Fähigkeiten nicht nötig habe.

Wie kann das passieren, wenn Sie doch so gern alles unter Kontrolle haben?

Mich selbst habe ich leider nicht immer unter Kontrolle, aber wer kann das schon von sich sagen?

Wie sehen Sie den jungen Jürgen Brähmer im Rückblick?

Ich sage mir oft: Mein Gott, was ist das für ein Vollidiot gewesen! Aber ich kann es nicht mehr ändern, so sehr ich mich darüber auch ärgere. Mittlerweile habe ich mich besser im Griff, das liegt wohl am Alter. Mein Problem war, dass meine Fehler in körperliche Gewalt ausgeartet sind. Dafür war ich zweimal im Gefängnis.

Wie unterscheiden sich diese beiden Haftstrafen voneinander?

Die erste, im Jugendvollzug, habe ich gar nicht ernst genommen. Die war mir, auf gut Deutsch, scheißegal. Bei der zweiten war das anders. Ich hatte schon vorher die Entscheidung getroffen, dass ich mein Leben ändern werde, und dann ist mir diese blöde Sache dazwischengekommen.

Sie waren auf Bewährung entlassen und haben ohne Führerschein einen Autounfall gebaut. Sie wollten fliehen, aber der Unfallgegner hat sie gestellt …

… und ich habe ihn niedergeschlagen. Ich will die Sache nicht schönreden, aber juristisch gesehen war das eine ganz klare Sache: Fahren ohne Führerschein und Körperverletzung. Es gab nichts zu ermitteln. Ich hatte den Eindruck, dass der Staatsanwalt sich auf meine Kosten profilieren wollte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich weiß, dass ich Mist gemacht habe. Aber andere Leute haben versucht, das für sich auszuschlachten.

Ging das im Gefängnis so weiter?

Ich habe damals gesagt: Im Vollzug werden Verbrecher von Verbrechern bewacht. Dazu stehe ich heute noch. Sie glauben gar nicht, wie man als prominenter Gefangener schikaniert wird. Das war eine Tortur. Nicht körperlich, aber psychisch. Im Knast laufen ja nicht nur Leute auf geistig hohem Niveau herum. Mörder, Vergewaltiger, ich saß mit allen zusammen. Wenn du dann einen blöd anguckst, kriegst du richtig Ärger. Die holen sofort einen Abteilungsleiter, und schon du bist wegen Bedrohung dran.

Gibt es irgendetwas, das Sie als positive Erkenntnis aus dem Gefängnis mitnehmen?

Nein. Im Gefängnis lernt man nichts. Du bist von so vielen Hohlmäusen umgeben, und damit meine ich nicht nur die Inhaftierten. Auf das Leben danach wirst du nicht vorbereitet. Wenn man dich 23 Stunden am Tag einsperrt, änderst du dich nicht. Dazu gehört mehr. Nein, keiner ändert sich durch den Strafvollzug.

Sie mussten drei Jahre absitzen. Wie überbrückt ein Leistungssportler diese Zeit?

Am Anfang war es unglaublich hart. Ich hatte ja keine Möglichkeiten, mich körperlich zu betätigen. Ich kam aus dem vollen Training, und auf einmal war gar nichts mehr. Stellen Sie sich das mal vor, ich mit meinem Sportlerherz, ich hatte natürlich körperliche Beschwerden, das hätte zum Infarkt führen können. Aber im Knast hat das keinen interessiert.

Zählt man die Tage?

Nein, ich habe die Monate gezählt. Vergessen Sie das, was Sie im Kino sehen oder im Frauenknast bei RTL. Das ist der größte Blödsinn, den ich je gesehen habe.

Wie haben Sie sich geistig fit gehalten?

Ich habe viel gelesen. Bücher, vor allem zur Weltgeschichte. Den Videotext kannte ich auswendig, die Tageszeitungen auch. Dazu habe ich vor allem über eines nachgedacht: Boxt du weiter?

Stand Ihre Boxkarriere auf der Kippe?

Natürlich. Das hat mir damals alles keinen Spaß gemacht. Ich habe mich gefragt: Musst du dir das weiter antun? Ich musste erst meinen Spaß wiederfinden. Zur Zeit habe ich wieder sehr viel Spaß beim Boxen. Ich könnte auch nicht sagen, was ich sonst gemacht hätte. Auf so ein eintöniges Berufsleben hatte ich keinen Bock.

Viele hatten Sie nach der zweiten Verurteilung abgeschrieben. Hatten Sie Angst vor den Blicken nach der Entlassung?

Das war mir so was von egal! Lass die doch gucken. Wenn ich durch Schwerin gehe, treffe ich jeden Tag mindestens einen, der auch im Knast war.

Hat sich jemand von Ihnen abgewendet?

Nein, aber ich habe mich von gewissen Leuten getrennt. Es war wichtig zu sehen, wer dir hilft, wenn du in Not bist. Diese Erfahrung sollte jeder mal machen. Er muss ja nicht gleich ins Gefängnis dafür gehen.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Michael Rosentritt.

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