Mein Lieblingssport : Stabhochsprung

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Als Neunjähriger sah ich ihn zum ersten Mal im Fernsehen. 1993. Leichtathletik-WM in Stuttgart: Auf der Tartanbahn steht dieser Mann im gelb-blauen Leibchen, mit einer Lanze in der Hand. Alles an ihm ist eckig. Der Kopf, der Körper, der Laufstil. Unbeholfen wie ein Ritter ohne Pferd. Doch als er sich mit der Lanze vom Boden abdrückt und in die Luft schwingt, weicht alles Eckige der Eleganz. Staunend sehe ich, wie sich die Stange biegt, dem Bersten nahe. Er stemmt sich mit den Füßen voran senkrecht in den Himmel und gleitet scheinbar mühelos über die Messlatte. Schon im Fallen reißt er jubelnd die Arme hoch.

Er schien zu fliegen, ohne Flügel, mit dem Stab. Sergej Bubka. Unfassbar. Ich habe es auch versucht: im heimischen Garten, mit Bambusstäben. Doch ich fühlte mich nicht wie der beste Stabhochspringer der Welt, sondern eher wie der am lausigsten stakende Fährmann im Spreewald.

Ich übte weiter. In einem Bochumer Modehaus probierte ich es mit einem hölzernen Messstab. Im Gang lief ich an, vor dem Wühltisch drückte ich mich ab. Zerbrochen. Meine Mutter schimpfte mit mir, und ich musste mich bei den Verkäuferinnen entschuldigen. Stabhochsprung interessierte niemanden.

Danach blieb ich auf dem Boden, am Ball. Der Fußball war immer da und mir auch näher. Bubka war zu selten zu sehen. Zu fern. Doch wenn er im Fernsehen auftauchte, packte es mich wieder. Ich bewunderte ihn, weil er so locker höher als alle anderen sprang, und ich war fassungslos, weil ich es nicht verstand. Bis heute habe ich nicht wirklich verstanden, was beim Stabhochsprung vor sich geht. Scheinbar gegen die Naturgesetze. Es ist zu hoch für mich.

Was blieb, waren die Fernseherlebnisse mit Bubka: 1994 traf ich ihn beim Zappen. Er stand mit seinem Stab grinsend neben einer Anzeigetafel auf der „6,14“ stand. Bis heute unerreichter Weltrekord. Und 1997 bei der WM in Athen fieberte ich mit ihm, als er zunächst an 5,91 Meter scheiterte und dann als Einziger über 6,01 Meter sprang.

Zum letzten Mal sah ich ihn 2000, bei Olympia in Sydney: Gelangweilt schaue ich den Deutschen Tim Lobinger und Danny Ecker beim obligatorischen Reißen zu. Plötzlich steht er da, wie eine unerwartete Erscheinung aus einer anderen Zeit: Noch einmal läuft der alte Ritter auf die Sprungmatte zu, die Lanze in die Luft gestemmt. Und scheitert. Er winkt zum Abschied. Ich seufze.

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