Mein Lieblingssport : Synchronschwimmen

Man schaut anderen Leuten nicht in den Schritt. Jedenfalls nicht dauernd. Außer beim Synchronschwimmen. Da muss man es, notgedrungen. Gefühlt minutenlang strecken die Schwimmerinnen ihre Füße in die Luft, der Oberkörper steht senkrecht nach unten im Wasser. Dann beginnt ein Fußballett mit den kuriosesten Figuren, den umgekehrten Spagat schaffen sie mühelos. Ich versuche beim Betrachten immer genauso lange die Luft anzuhalten wie die Sportlerinnen, nur selten schaffe ich es. Aber eigentlich geht es beim Synchronschwimmen um etwas völlig anderes.

Acht Frauen gleicher Größe und mit gleicher Figur, gleichem Schwimmanzug, gleichem Haardutt und dem gleichen eingefrorenen Lächeln, wenn sie wieder auftauchen, mit geschlossenen Zähnen, gerade so, als müssten sie auch jetzt noch immer nicht nach Luft japsen, die Gleichförmigkeit der fließenden Bewegungen, das völlige Aufgehen im Kollektiv, die völlige Auflösung des Individuums, das ist im Zeitalter der individuellen Leistung, im Zeitalter der Selbstdarsteller und der Eitelkeit, das herausragende Merkmal dieses Sports. Und wie diese acht Sportlerinnen dann auf dem Siegerpodest stehen, eine aussieht wie die andere, und sie auch da noch das gleiche Lächeln zeigen, da zeigt sich wahre Leistung in Gemeinschaft. In anderen Mannschaftssportarten ist meist das Individuum deutlich erkennbar.

Kollektive gleichförmige Bewegung, für viele Menschen gibt es kaum etwas Abstoßenderes. Aber Synchronität ist wesentliches Prinzip in der Entwicklung von Militär und Wirtschaft. Die alten Griechen und Römer haben das erkannt, sie waren es auch, die als erste synchrones Schwimmen vorführen ließen, in gefluteten Amphitheatern. Militärisch war synchrones Auftreten gegenüber wilden germanischen Barbarenhaufen von Vorteil, was letztere auch irgendwann einmal lernten. Im preußischen Heer des 18. Jahrhunderts bekam jeder Soldat automatisch einen Degen in die Rippen, wenn er von der Synchronität des Vormarschs abwich. Das Synchronschwimmen ist indirekt aus militärischem Denken abgeleitet, es wurde früher auch nur von Männern betrieben. Das alles klingt ganz furchtbar und doch können wir heute auf das Prinzip der Synchronität nicht verzichten.

In einer arbeitsteiligen Wirtschaft greifen die Rädchen auf immer kompliziertere Weise ineinander und in jeder persönlichen Beziehung ist Synchronität grundlegend. Gleichförmigkeit, Zusammenpassen, Ineinanderfließen, es kann etwas sehr Schönes sein. Andreas Oswald

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben