Sport : Mein Real

Ein taumelnder Verein, ja, aber auch ein Mythos von Welt. Fußballfans des Tagesspiegels schwärmen.

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Mein Real war nie das von Beckham und Ronaldo. Die frühe Offenbarung war der Sturm mit dem Spielmacher Alfredo di Stefano, mit Puskas im Zentrum und dem wunderbaren Gento auf Linksaußen. 1959/60 spielte Eintracht Frankfurt mit dem Ungarn Istvan Sztani fast so schön wie Real. 1960 standen sich beide im Europacup-Endspiel gegenüber. Wir saßen zu Hause vor dem Fernseher, aber wegen eines Gewitters schaltete mein Vater das Gerät zwischendrin zur Sicherheit ab. So verpasste ich die Hälfte der Tore. Am Ende gewann Real zu meinem Leid und zu meiner Bewunderung 7:3. Das geschah in Schwarzweiß – doch die Königsweißen waren wie ein Fußballgewitter, mit leuchtenden Pässen, mit blitzartigen Toren. Auch in Schwarzweiß zeigte das beste Real der Welt mir alle Farben des Spiels.

— Peter von Becker, 59, eigentlich Fan des FC Bayern und von Hertha BSC

Weit nach Mitternacht in einem rumänischen Hotel: Im Fernsehen läuft „Real Madrid TV“. Der vereinseigene Fansender zeigt Spiele der Champions League. Real kombiniert galaktisch, Real läuft Räume zu (!), Real gewinnt. Eine Mannschaft, der Wirklichkeit enthoben. Doch die Heldentaten liegen ein paar Jahre zurück. Seither kamen Beckham, Ronaldo, Owen, Robinho, Cannavaro. Weltfußballer. Aber Real ist im eigenen Stadion chancenlos gegen Levante oder Lyon. Galaktisch ist nur noch die PR-Maschine. Fan-TV eben.

— Marc Neller, 33, Werder Bremen

Aaah, Real! Alfredo di Stefano, den Namen kennt doch jeder. Nur den Typen nicht, und wenn, denkt man heute an dicken Bauch und Legende. Dann unser Günni, Günter Netzer, mit dem langen Schritt, der so langsam sein konnte und ein Spiel mit einem Pass schnell machen. Hach, das waren Zeiten – mit Spielmachern. Bald kommt ja einer zurück nach Deutschland, wollen wir hoffen, Bernd Schuster, der blonde Engel. Als Trainer! Und dann, leider in Schubladen gesteckt: Uli Stielike. Der konnte Fußball spielen, als Libero wie Beckenbauer, jawohl. Hacken konnte er, aber nicht so gut wie der Kaiser. Der hat so getan, als hätte er nix getan. Das konnte der Stielike nie. Einen Stielike heute, und Trainer Capello würde in selbiger eine Kerze aufstellen.

— Stephan-Andreas Casdorff, alt genug, 1. FC Köln und Hamburger SV

Wenn wir Fußball spielen, dann immer FC Arsenal gegen Real Madrid. Auf der X-Box bei „Winning Eleven 9“ steuern wir die Spieler aus Premier League und Primera Division mit dem Gamepad. Jeder von uns hat seinen Superstar. Und zwar nicht Ronaldo oder Henry, sondern selbst kreierte Spieler, die wie Beckham flanken und trotzdem wie Lehmann halten können. Jede Niederlage schreit nach Revanche. So vergehen vier, fünf Stunden. Arsenal – Madrid, Madrid – Arsenal, und wieder von vorn.

— Paul Einhäupl, 20, Hertha und Arsenal

Internationalen Fußball im Fernsehen gab es kaum, aber die Jubelsalti des Hugo Sanchez und die trockenen Tore von Emilio Butragueno in Kurzausschnitten standen für das, was ich schon als Kind immer erzählt bekam: Real heißt Größe, Stil, Klasse. Damals also – für mich Ende der achtziger Jahre – wurde aus dem entfernten Mythos aber vor allem eines: ein Gegner. Der Gegner, denn wer sonst schoss (durch die jetzt verfluchten Sanchez und Butragueno) in den letzten drei Minuten noch zwei Tore in München, die das Aus bedeuteten? Das war also diese Klasse, der Stil. Vor allem aber, wie viele späteren Duelle bestätigten, ein Ärgernis von sagenhafter Größe.

— Mathias Klappenbach, 34 , Bayern

Tore sollen fallen, nicht umfallen. Hat leider nicht geklappt im April 1998 im Westfalenstadion. Der BVB spielte 0:0 gegen Real und flog aus der Champions League. Zwei Wochen zuvor hatte es in Bernabeu ein 0:2 gegeben – in einem Spiel, das erst gegen 22 Uhr begann, weil ein Tor fehlte. Es war umgefallen, und die Spanier brauchten ein Weilchen, um einen Ersatzkasten aufzustellen. Schlimmer aber war das Ausscheiden ein paar Jahre später. Das Spiel im Westfalenstadion im Februar 2003 schaute ich mit meinem Kumpel Lothar an. Als Real eine Minute vor Schluss den Ausgleich schoss, freute sich Lothar, als hätte er im Café King 10 000 Euro auf 1:1 gesetzt. Lothar ist Schalke-Fan. Seitdem weiß ich, dass Schalke niemals Meister wird.

— Alfons Frese, 44, Borussia Dortmund

Ich habe die Wundermannschaft von Real Madrid nie spielen sehen, mein Bild von ihr fügt sich zusammen aus der Lektüre von Büchern, aus den Erzählungen alt und grau gewordener Augenzeugen. Der Mythos Real wuchs in einem Biotop, das es nie mehr geben wird. Das Real Madrid der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre zelebrierte seine Kunst in einer Epoche, die noch nicht der Allgegenwart der elektronischen Medien geweiht war. Keine Fernsehbilder von misslungenen Pässen, vergebenen Torchancen oder hässlichen Fouls trüben mein Bild von Gento, Puskas und di Stefano. Helden mit Alltagsfehlern sind ein Produkt des Medienzeitalters. In meinem Kopf wird di Stefanos Real bis in alle Ewigkeit das weiße Ballett bleiben.

— Sven Goldmann, 42, Boca Juniors

Der Boulevard Voltaire, Paris, im Februar 2004. Drei Probleme im Regen: Meine beiden italienischen Kumpels, die Milan gegen Sparta Prag sehen wollen. Meine Nervosität vorm Achtelfinalspiel der Bayern gegen Madrid. Keine Konferenzschaltung. In den Kneipen läuft Monaco gegen Lok Moskau. Giacomo und Sebastiano verdrückten sich in eine Pizzeria, um Milan zu gucken. Ich irre weiter, lande vor einer Tapas-Bar. Alles voll. Es bleibt nur der Stehplatz vor der beschlagenen Scheibe. Es läuft super. Ich erahne das Riesenspiel der Bayern, und nur ein lauter Schrei ist auf dem Boulevard zu hören, als Makaay zum 1:0 einköpft: meiner. Dann die 83. Minute. Ein harmloser Freistoß von Roberto Carlos. Der Titan patzt. 1:1. Überall jubelnde Spanier. Ich ziehe ab, treffe Giacomo und Sebastiano (0:0). Wir trinken uns Mut für die Rückspiele an. Den beiden hat’s geholfen.

— Christian Tretbar, 28, FC Bayern

Mein Hemd, so weiß (ja, Javier Marias ist Fan des Vereins). Die Hose weiß, die Stutzen. So stehen Reals Spieler auf dem Rasen, seit Ewigkeiten; die Königlichen, ein Ensemble mit Stil. Mitte der fünfziger Jahre gewann der Klub fünfmal hintereinander den Europapokal der Landesmeister. Mein bestes Tipp-Kick- Männchen (nur Idioten glauben, alle industriell hergestellten Tipp-Kick-Spieler seien von gleicher Qualität) bekam ein weißes Dress aufgemalt, mit Lack und Pinselchen, stundenlang schlenzte di Stefano den rot-gelben Ball über die Freistoßmauer (eine Streichholzschachtel), Gento hämmerte die Konter ins Plastiktor. Und heute? Beckham Rote Karte, Ronaldo verkauft, Emerson schlapp, Raul ohne Mumm, der Trainer uninspiriert … Na und? Gegen die Erinnerung haben schlechte Nachrichten keine Chance.

— Norbert Thomma, 55, VfB Stuttgart.

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