Sport : „Mein Ruf ist unwichtig“

Borussia Dortmunds Präsident Gerd Niebaum über Schulden, Managementfehler und Leidenschaft

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Haben Sie gut geschlafen, Herr Niebaum?

Danke der Nachfrage, ich bin in der glücklichen Lage, immer gut zu schlafen.

Der Analyst der Hypo-Vereinsbank, Peter Thilo Hasler, sagt, er würde in Ihrer Position kein Auge mehr zu tun.

Für mich gibt es keinen Grund, schlecht zu schlafen.

Bei der heutigen Bilanz-Pressekonferenz der Borussia Dortmund KGaA wird mit dramatischen Zahlen gerechnet. Die Rede ist von 150 Millionen Euro Schulden. Allein für die vergangene Saison wird das Defizit mit 67 Millionen Euro beziffert.

Die Zahlen sind ja weitgehend bekannt, es wird also nichts Sensationelles verkündet. Nur so viel: Die 150 Millionen Verbindlichkeiten sind definitiv falsch. Das werden wir richtig stellen.

Dennoch erscheint die Lage äußerst bedrohlich: Borussia Dortmund ist europaweit Rekordhalter im Kartenverkauf und weist gleichzeitig eine Rekordverschuldung auf. Wie kann das sein?

Sie können doch aus einer Bilanz nicht nur die Passivseite lesen, sondern müssen auch die Aktivseite berücksichtigen. Unserer Verschuldung steht ein entsprechend hohes Vermögen gegenüber. In der Öffentlichkeit werden die Zahlen aus der Passivseite herausgelöst, ohne unser Eigenkapital zu berücksichtigen, das nach der Kapitalerhöhung einhundert Millionen Euro betragen wird. Ich will nichts schön reden: Wir haben einen hohen Verlust, aber die Lage ist längst nicht so dramatisch, wie sie dargestellt wird.

Das haben Sie bislang nicht überzeugend vermitteln können.

Natürlich werden wir kritisch beobachtet, weil wir an die Börse gegangen sind, was ein Pilotprojekt bedeutete. Zudem haben wir sehr viel Geld in Steine und Beine investiert. Wir sind international nicht vertreten und haben uns deshalb einen ganz strikten Sparkurs verordnet, den wir einhalten. Wir werden die Lage meistern und Borussia Dortmund in ruhiges Fahrwasser zurückführen.

Die Personalkosten beim BVB waren vergangene Saison mit rund 70 Millionen Euro drei Mal so hoch wie etwa beim VfB Stuttgart. Haben Sie zu lange weit über Ihre Verhältnisse gelebt?

Solche Zahlen sind definitiv falsch. Dennoch ist die Frage berechtigt. Wir haben eine teure Mannschaft unterhalten, die für die Champions League ausgelegt war. Die haben wir in der vergangenen Saison verpasst und deshalb ein Problem. Es waren üppige Jahre, aber keine verschwenderischen.

Das sehen die Beobachter anders.

Man kann kritisieren, dass wir eine teure Mannschaft für einen bestimmten Wettbewerb unterhalten haben. Am Ende ist das wie bei einer Firma, die einen Großauftrag verliert. Dann haben Sie Probleme und müssen abspecken. Das tun wir.

Michael Meier, der Manager der Borussia, sagt: „Wenn wir den Turnaround nicht packen, müssen wir uns hinterfragen lassen.“ Müssen Sie das nicht jetzt schon tun, weil Sie es so weit haben kommen lassen?

Ein Kapitän muss auch in stürmischen Zeiten Kurs halten und das Schiff in ruhiges Fahrwasser leiten. Das entspricht meiner Vorstellung von Verantwortung.

Der neue Großaktionär Florian Homm stellt dem BVB ein schlechtes Zeugnis aus: „Schwacher finanzieller Auftritt, schwacher Management-Auftritt, schwache sportliche Leistung.“

Lesen Sie die vierseitige offizielle Presseerklärung, die Herr Homm abgegeben hat. Mit der kann ich sehr gut leben. Ich lasse nicht zu, dass mit reißerischen Mitteln ein Keil zwischen den Aktionär Homm und das Management des BVB getrieben wird. Im Übrigen kann ich die Kritik nachvollziehen. Ist ein Defizit von 67 Millionen Euro etwa ein starker Auftritt?

Herr Homm setzt Sie unter Druck, indem er sagt, wenn das Management des BVB innerhalb der kommenden sechs Monate nicht erfolgreicher agiert, muss es durch fähigere Personen ersetzt werden.

Aktionäre dürfen grundsätzlich ein tüchtiges und erfolgreiches Management erwarten. Allerdings stammt dieses Zitat von Herrn Homm nicht aus seinem offiziellen Statement.

Aber Herr Homm verfolgt doch ganz klare Absichten, genau wie Herr Schechter, der Ihnen die avisierte 120-Millionen-Anleihe nur unter bestimmten Bedingungen gibt. Verschieben sich die Machtverhältnisse bei Borussia Dortmund?

Nochmal: Das operative Geschäft bleibt eindeutig in unserer Hand. Herr Schechter ist ein Geschäftspartner, der uns ein Angebot gemacht hat, über das wir nachdenken. Das ändert doch nichts an den Machtverhältnissen. Wir haben einen starken Verein mit gewachsenen Strukturen und einen Aufsichtsrat. Dort werden die Machtverhältnisse geregelt.

Wobei der Vorwurf existiert, dass der Aufsichtsrat zu nah mit Ihnen verbandelt ist, um seine Kontrollfunktion wie erforderlich ausführen zu können.

Der Aufsichtsrat setzt sich ausschließlich aus Vertretern der regionalen Wirtschaft zusammen. Das sind Leute mit großer Börsenerfahrung und keine Personen von meinen Gnaden, wie zu lesen war. Es gibt weder Abhängigkeiten noch Kumpanei.

Der ehemalige Großaktionär Norman Rentrop soll sein Aktienpaket auch deshalb abgestoßen haben, weil der Aufsichtsrat seiner Aufsichtspflicht nicht nachkomme. Zudem soll er gefordert haben, Sie als Geschäftsführer der KGaA zur Disposition zu stellen.

Zu den Gründen für den Verkauf müssen Sie Herrn Rentrop befragen. Es gehört zum Alltag, dass an der Börse gekauft und verkauft wird. Hier werden normale Vorgänge in eine ganz bestimmte Richtung interpretiert.

Sie haben Ihre Stadionanteile vor zwei Jahren für 75 Millionen Euro an die Commerzbank-Tochter Molsiris verkauft. Jetzt soll der Rückkauf mit Hilfe der Schechter-Anleihe erfolgen. Das Eingeständnis eines Management-Fehlers?

Die Stadionfinanzierung mit Hilfe eines geschlossenen Immobilienfonds hat das Ziel, dass Borussia Dortmund schon im Jahre 2017 über ein völlig schuldenfreies Stadion verfügt. Wir wollen also unser Häusle schnell abbezahlen. Vor diesem Hintergrund sind die Gespräche mit Herrn Schechter zu sehen, die zu einer Tilgungsstreckung und damit zu einer Entlastung von Borussia Dortmund führen soll.

Sie standen als BVB-Präsident immer dafür, den Spagat aus Tradition und visionärer Geschäftsführung zu schaffen. Das Schlagwort lautete „Kommerz mit Herz“. Davon scheint Borussia Dortmund derzeit weiter denn je entfernt zu sein.

Moment mal, wir haben 50 000 Dauerkarten verkauft, das spricht ja nun nicht dafür, dass wir uns von der Basis entfernen. Natürlich machen sich die Menschen Sorgen um den Verein, aber im Moment rauscht es im Blätterwald, weil bestimmte publizistische Kreise mit unausgewogener Berichterstattung Angst schüren.

Befürchten Sie, dass Ihr Ruf so geschädigt wird wie der von Karl-Heinz Wildmoser durch die Münchener Stadionaffäre?

Mein Ruf ist unwichtig. Ich mache das hier aus Leidenschaft für Borussia Dortmund. Ich wundere mich, wie die Dinge personalisiert werden. Als ob ich so wichtig wäre.

Das Gespräch führte Felix Meininghaus

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