Sport : Mein Schicksalsspiel (V): "... dann kamen noch mal sechs"

Peter Endrulat

Rauschender Sieg, grandioses Scheitern, der große Durchbruch oder der Anfang vom Ende: In unserer Serie "Mein Schicksalsspiel" erinnern sich Fußballer an Spiele, die ihre sportliche Karriere maßgeblich beeinflusst haben. Heute: Peter Endrulat

Die meisten Leute denken vermutlich, dass ich nicht besonders gerne über mein Schicksalsspiel rede. Aber ich sehe das inzwischen recht locker. Das 0:12 mit Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach im Düsseldorfer Rheinstadion liegt ja schon lange zurück. Es war der letzte Spieltag der Saison 1977/78. Der 1. FC Köln und Mönchengladbach standen punktgleich an der Tabellenspitze. Köln hatte die bessere Tordifferenz und spielte beim Absteiger St. Pauli. Gladbach musste also hoch gewinnen, um noch eine Chance auf den Titel zu haben.

Ich war im Laufe der Saison für den verletzten Horst Bertram ins Tor gekommen und hatte bis dahin ganz gute Spiele gemacht, zum Beispiel beim 2:0 gegen meinen alten Verein Schalke 04. Deshalb stand ich auch gegen Mönchengladbach im Tor, obwohl Bertram wieder fit war. Ich wollte den Stammplatz, den ich mir erkämpft hatte, nicht so ohne weiteres preisgeben. Na ja, und dann wurde dieses Spiel mein letztes in der Bundesliga, das Unglücksspiel sozusagen.

Das erste Tor fiel schon in der ersten Minute, und so ging das dann weiter. Ich habe irgendwann einmal eine Videoaufzeichnung dieses Spiels bekommen. Wenn Besuch kommt, muss man sich das gelegentlich ansehen. Das tut schon weh. Ich weiß noch, während des Spiels denkst du nur: Ach, du lieber Himmel! Andererseits hoffst du, dass von der Mannschaft noch mal ein Aufbäumen kommt, du versuchst zu halten, was zu halten ist. Aber irgendwann läuft alles ab wie im Film, und du denkst an gar nichts mehr.

Das 12:0 ist bis heute der höchste Sieg der Bundesligageschichte. Da macht man sich natürlich Gedanken, wie ein solches Ergebnis zustande kommen kann. Wir hatten lange Zeit im Abstiegskampf gesteckt, waren sogar kurz vor Saisonende noch einmal für vier Wochen zum Trainingslager in Hennef. Weil wir dann aber schon vor dem letzten Spiel gerettet waren, glaube ich einfach, dass der Mannschaft gegen Gladbach der absolute Wille und die Konzentration gefehlt haben. Das war wohl der Knackpunkt.

Es gab später Spekulationen, dass dieses Spiel verschoben worden sei und wir so hoch verloren hätten, damit Gladbach doch noch Meister wird. Ich weiß davon nichts, und wenn da was gewesen sein sollte, war ich wahrscheinlich der einzige Ahnungslose. Mir war das völlig Wurst, wer Deutscher Meister wird. Ich habe erst nach dem Spiel erfahren, dass die Kölner den Titel geholt haben, weil sie bei St. Pauli 5:0 gewonnen und drei Tore mehr geschossen hatten als die Gladbacher. Aber da hatte ich schon andere Sorgen.

Nach diesem legendären Spiel hat es im Verein eine Sitzung mit den Spielern gegeben. Das Präsidium hat uns eine Strafe auferlegt. Jeder, der gespielt hatte, musste etwas mehr als 2000 Mark zahlen. Im Anschluss hat dann der damalige Präsident vor versammelter Mannschaft bekannt gegeben, dass Herr Rehhagel nicht mehr Trainer sei und mein Vertrag, der am Ende der Saison auslief, nicht verlängert werde.

Im Nachhinein muss man daher sagen, dass für mich alles sehr unglücklich gelaufen ist. Otto Rehhagel hat mich in der Halbzeit gefragt, ob ich draußen bleiben wolle. Da stand es 0:6. Ich war jung und ehrgeizig, hatte noch nicht so viele Spiele bestritten und wollte beweisen, dass ich erstligatauglich bin. Ich habe gedacht: Dann hältst du jetzt noch gut und machst das Beste draus. Dass dann noch mal sechs Stück reinkamen - tja... Ich bin damals von meinen Mitspielern völlig im Stich gelassen worden. Wenn man sich die Tore heute ansieht, muss man einfach sagen, dass der Torwart am allerwenigsten für dieses Ergebnis verantwortlich war. Da sind Schüsse im Sechzehner von zehn, elf Meter Entfernung abgefeuert worden. Die konnte ich zum Teil noch abwehren, aber beim Nachschuss war dann auch wieder ein Spieler frei. So sind die Tore gefallen. Aber ich bin natürlich der, von dem es immer heißt: Der hat die zwölf reingelassen.

Das Gute vergisst der Mensch immer, das Schlechte behält er in Erinnerung. Es ist eigentlich schade, dass dieses Spiel allein als Maßstab genommen wird. Vor dem 0:12 hatte ich immerhin so gut gespielt, dass man mir in Dortmund einen neuen Vertrag angeboten hatte. Nach dem 0:12 war das dann leider hinfällig. Heute ist das etwas anders. Heute sind die Vereinsmanager so sehr auf junge Leute fixiert, dass die nach einem guten Spiel gleich einen neuen Vertrag bekommen. Aber warum soll von einem einzigen Spiel abhängen, ob jemand eine große Karriere macht oder nicht? Reinhard Rauball, der später Präsident von Borussia Dortmund geworden ist, hat einmal zu mir gesagt, wenn er damals schon im Amt gewesen wäre, hätte er mir einen neuen Vertrag gegeben. Das ist ein kleiner Zuspruch gewesen, der richtig gutgetan hat.

Dass ich damals gewissermaßen Fußballgeschichte geschrieben habe, ist jedenfalls kein Trost. Sicher, ich habe immer noch einen einmaligen Rekord. Aber mir wäre lieber, es käme mal ein anderer, der noch einen mehr reinkriegen würde.

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