Sport : Mein WM-Held

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An dieser Stelle verraten Sportler, Politiker und Künstler, wer sie bei einer Weltmeisterschaft für den Fußball begeistert hat. Heute: der Publizist und Rhetorik-Professor Walter Jens.

Zunächst einmal möchte ich eines feststellen: Den teutonischen Stil mag ich überhaupt nicht. Das verbissene Auftreten der deutschen Mannschaft – ohne Kreativität, ohne Eleganz, ohne Charme – ärgert mich bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft aufs Neue. Deswegen freue ich mich über wohltuende Abwechslungen. Zum Beispiel über Roger Milla, damals bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien.

Wie der Stürmer aus Kamerun gelacht hat nach jedem seiner Tore und dann zur Eckfahne gerannt ist, um zu jubeln und zu tanzen, das war einfach wunderbar. Jeder Zuschauer im Stadion und vor dem Fernsehgerät hat gesehen: Dieser Mann da auf dem Rasen, der liebt das Verspielte und nicht das Angepasste, dieser Mann ist witzig und nicht überheblich, dieser Mann hat Freude an dem, was er tut.

Roger Milla war die Opposition zum Fußball, den die Deutschen damals bei der Weltmeisterschaft gespielt haben. Und ich bin ein Freund der Opposition – in der Politik wie im Fußball. Deshalb drücke ich auch in diesem Jahr den Spielern aus Kamerun die Daumen. Mit ihrer Spielfreude können sie bestimmt wieder die etablierten Teams überraschen. Natürlich halte ich die Prognose von Trainer Winfried Schäfer, Kamerun könne vielleicht den Titel gewinnen, für etwas übertrieben. Dennoch glaube ich, dass Herr Schäfer gute Arbeit in Afrika leistet. Er zieht der Mannschaft ein paar Korsettstangen ein, aber ansonsten sagt er: „Spielt einfach drauflos.“ Und das können die Kameruner doch am besten.

Ich hoffe, dass wir bei der diesjährigen Weltmeisterschaft einen neuen Roger Milla sehen werden. Und ich hoffe, dass die verbissenen Deutschen möglichst früh aus dem Turnier ausscheiden werden. Eine Mannschaft, die von einem skandalumwitterten Rechtsaußen wie Gerhard Mayer-Vorfelder repräsentiert wird, darf einfach nicht Weltmeister werden.

Aufgezeichnet von Robert Ide.

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