Sport : Mein WM-Held

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An dieser Stelle verraten Sportler, Politiker und Künstler, wer sie bei einer WM für den Fußball begeistert hat. Heute: Der stellvertretende Geschäftsführer der Kirch Media AG und frühere Sat1-Chef Fred Kogel.

Mit meinem WM-Helden ist das so eine Sache. Denn Günter Netzer, der für mich noch immer einer der besten Spieler aller Zeiten ist, hat nur ein einziges WM-Spiel bestritten. Das wurde verloren und ist zudem als „nationale Schande" in die WM-Historie eingegangen. Denn der Gladbacher gehörte zu den bundesdeutschen Kickern, die 1974 in Hamburg gegen die DDR mit 0:1 unterlagen.

Wer den blonden Rebellen aber bei der EM 1972 erleben durfte, als er mit der vielleicht besten deutschen Mannschaft aller Zeiten den Titel gewann, der wird meine Wahl verstehen. Netzer zelebrierte Fußball, und er war der erste deutsche Kicker, der wirklich etwas von einem Star hatte. Er liebte die schönen Dinge des Lebens, Frauen und Ferraris, er war ein Fußball-Gott, vergleichbar mit Pelé oder Maradona. Und wie stand doch auf einem Plakat der Borussen-Fans geschrieben, das Netzers Konterfei zeigte: „Gott muss Borussen-Fan sein. Sonst hätte er nicht seinen Sohn bei uns spielen lassen."

Umso bitterer ist meine Erinnerung an die eigentlich wunderbare WM 1970 in Mexiko. Familie Kogel weilte damals im Spanien-Urlaub. Mein Vater war wie sein Sohn ein Fußballverrückter. Ein solches Turnier wollten wir uns nicht entgehen lassen. Also suchte mein Vater nach einer Möglichkeit, zumindest die spannendsten Begegnungen miterleben zu können, wie das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien (3:4; d. Red.), das dann zum Klassiker wurde. Natürlich war das 1970 schwieriger als heute. Wo jetzt in jedem spanischen Hotel ARD, ZDF, Sat 1 oder RTL empfangen werden können, gab es damals noch überhaupt kein TV-Gerät.

Also bemühte sich mein Vater um ein altes Radio, so dass wir über die Deutsche Welle wenigstens einen Ton bekamen. Natürlich hatte ich während der gesamten Übertragung schlechte Laune. Nicht nur, weil sich eine Niederlage der Schön-Elf abzeichnete, sondern auch weil Netzer damals nicht zum Aufgebot gehörte. Mein Vater war Bayern-Fan, dem Beckenbauer oder Müller alles und Netzer nur wenig bedeuteten, und natürlich sah er sich in seiner Meinung bestätigt. Erst 1972, bei der EM, konnte ich dann diese Scharte wieder auswetzen.

Aufgezeichnet von Andreas Kötter.

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