Sport : Mein WM-Held

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An dieser Stelle verraten Sportler, Politiker und Künstler, wer sie bei einer WM für den Fußball begeistert hat. Heute: Norbert Blüm, einst Bundesarbeitsminister im Kabinett Kohl, über Fritz Walter.

Für mich war Fritz Walter das Fußball-Idol meiner Jugend. Und ein Idol, das gebe ich gerne zu, war damals auch das Spiegelbild dessen, was man selbst eigentlich nur allzu gerne auch sein wollte. Diese großartige Weltmeisterschaft damals, 1954, in der Schweiz! Fritz und die anderen Helden von Bern hatten im Endspiel gegen die auf dem Papier übermächtigen Ungarn gezeigt, was alles möglich ist, wenn man an sich selbst glaubt und wenn man nie aufgibt und wenn die Situation auch noch so verfahren ist. Noch in der Vorrunde hatten die Ungarn uns mit dem Eishockeyergebnis von 8:3 vom Rasen gefegt, und auch im Finale führten sie rasch mit 2.0. Dann aber schlug die Stunde von Walter, Rahn, Morlock. 3:2 hieß es am Ende für Deutschland.

Wir Kinder wollten damals natürlich alle den Fußball so zelebrieren wie der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Denn der Fritz war kein Fußball-Klopper, nein, er war eher der Ballett- und der Zeremonienmeister der Fußballkunst. Meine Kollegen und ich, wir Rüpel-Neandertaler des Fußballs, haben seine Finessen und Tricks damals auf dem Bolzplatz nachzuahmen versucht. Aber man kann sich vorstellen, dass unser klägliches Fußwerk Lichtjahre entfernt vom Planeten seiner Fußball-Artistik lag. Fritz Walter hätte seine Tore auch waagerecht in der Luft liegend mit der Hacke geschossen, wenn es nötig gewesen wäre, während wir erst dem Tormann einen deftigen Rempler versetzten, ihn zusätzlich am Leibchen festhielten und den Ball selbst dann noch mehr wühlend als schießend über die Torlinie bugsierten.

Fritz Walters Fußball-Kunst bleibt mir daher immer in Erinnerung . Was ihn jedoch zu meiner bleibenden Verehrung empor hebt, das ist der Mensch Fritz Walter. Bescheiden trotz all seiner Erfolge, in der Öffentlichkeit beinahe ein wenig ängstlich, nie um Aufmerksamkeit heischend, immer fair.

Aufgezeichnet von Andreas Kötter.

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