Sport : Mein WM-Held

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An dieser Stelle verraten Sportler, Politiker und Künstler, wer sie bei einer WM für den Fußball begeistert hat. Heute: Sebastian Deisler, ehemals Fußballprofi bei Hertha BSC und künftig in Diensten vom FC Bayern München, über Lothar Matthäus.

Ich kann mich noch sehr gut an den Sommer 1990 erinnern. Es war der Sommer der Italia. Meine erste WM, die ich bewusst erlebt habe. Ich war damals zehn Jahre alt. Zu dieser Zeit spielte ich Fußball beim FV Lörrach, gegen Mannschaften wie Wittlingen und Huttingen. Im Juni 1990 gab es nur diese Weltmeisterschaft. Vor allem für einen wie mich. Ich bin ja damals mit dem Ball aufgestanden und schlafen gegangen.

Ich habe damals so gut wie kein Spiel versäumt. Und wenn die deutsche Nationalmannschaft spielte, saß ich mit der Fahne vor dem Fernseher. Besonders haften geblieben ist mir gleich das erste WM-Spiel der Deutschen in Mailand gegen Jugoslawien. Es war der 10. Juni. Und es war das Spiel des Lothar Matthäus. Für mich war es das beste Länderspiel, das Matthäus jemals bestritten hat. Diese 90 Minuten haben mir gereicht – von diesem Tag an war ich ein großer Fan von ihm. Er war mein WM-Held. Lothar Matthäus war überall auf dem Platz. Der Chef im Mittelfeld. Und dann erst seine beiden Tore. Der Treffer zum 1:0, als Matthäus kurz hinter der Mittellinie den Ball bekam, einen jugoslawischen Verteidiger abschüttelte und knallhart mit links einschoss.

Und dann das Tor zum 3:1: In der eigenen Hälfte bekam Matthäus den Ball – und lief und lief und lief. Er trieb den Ball vor sich her, tippte ihn mehrmals an, ließ einen Gegenspieler einfach stehen, legte sich den Ball ein wenig vor und schoss. Aus 25 Metern. Was für ein Tor!

Ich habe noch das Bild vor Augen, wie er nach dem Spiel vom Platz ging. Sein Oberkörper glänzte im Flutlicht. Er hatte ein Trikot seines jugoslawischen Gegenspielers in der Hand. Am Oberarm hing die Kapitänsbinde. Es war sein 75. Länderspiel damals. Für die Deutschen war es die Initialzündung für den späteren WM-Sieg.

Wir sind damals nach den Spielen vor dem Fernseher aufgestanden und haben uns auf der Straße getroffen. Damals wohnten viele Italiener bei uns in der Ecke. Mit denen haben wir die Länderspiele immer nachgespielt. Wir haben gespielt, bis es dunkel wurde und wir nichts mehr sehen konnten.

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt

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