Sport : Mein WM-Held

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An dieser Stelle verraten Sportler, Politiker und Künstler, wer sie bei einer WM für den Fußball begeistert hat. Heute: Der frühere Fußball-Bundestrainer Jupp Derwall über Wolfgang Overath.

Wolfgang Overath. Der fällt mir ein, wenn es um meinen WM-Helden geht. Ich könnte jetzt natürlich einige n aufzählen, aber der echte Held, der wirklich herausragende Spieler, der heißt Wolfgang Overath. Weil er perfekt war. Weil er alles hatte. Ein Regisseur, der Führungsperson war. Der hat ja bei der Nationalmannschaft und beim 1. FC Köln lange Bälle aus dem Mittelfeld gespielt, die konnte man mit der Zunge annehmen. Gut, das konnte Günter Netzer auch, aber der Wolfgang ist dem Ball hinterher gerannt, der wollte auch noch das Tor schießen. Was hatte der alles drauf: technisch perfekt, intelligent, ein lustiger Kerl, aber auch einer, der Respekt einflößte. Der hatte nie intrigiert, der hatte so etwas nicht nötig. Wenn ihm etwas nicht passte, dann kam er zu Helmut Schön, dem damaligen Bundestrainer, oder er tauchte bei mir auf, ich war damals ja noch Schöns Assistent. Der Wolfgang hatte immer ehrlich argumentiert und nie hinter unserem Rücken gelästert.

Und dann kam dieses Spiel, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Und im Zentrum dieses Spiels stand Wolfgang Overath. WM 1974, zweite Finalrunde, unser Spiel gegen die Schweden. Wir lagen 0:1 zurück, dann traf Wolfgang zum 1:1. Rainer Bonhof machte das 2:1, die Schweden glichen aus, am Ende gewannen wir 4:2. Es war Overaths bestes Spiel. Dann der Schlusspfiff, das Düsseldorfer Rheinstadion stand Kopf, eine unfassbare Atmosphäre. Dann ging Wolfgang auf die Ehrenrunde. Es war ein Triumphmarsch für ihn. Ich saß neben Helmut Schön auf der Bank, und mir lief es kalt den Rücken herunter, so fantastisch war diese Stimmung. Niemals werde ich diese Szenen vergessen. Es war Wolfgangs Spiel, er hatte es noch herumgerissen. Wolfgang hatte bei der WM neben Franz Beckenbauer die Führungsrolle. Er wusste, dass er die Fäden in der Hand hielt, weil Günter Netzer vor der WM lange verletzt war und bei der WM kaum zum Einsatz kam.

Es heißt im Übrigen ja immer, Wolfgang Netzer und Wolfgang Overath hätten sich nicht verstanden. Das ist Blödsinn. Die kamen glänzend miteinander aus. Zusammen mit Franz Beckenbauer bildeten sie den Kopf der Mannschaft. Die hatten mächtig Spaß im Training, die musste man zum Aufhören zwingen. Das hat den Wolfgang auch ausgezeichnet. Er war ein Vorbild, er hat Einsatz und Kampfgeist vorgelebt. Ein großer Spieler halt, mehr muss man nicht sagen.

Aufgezeichnet von Frank Bachner

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