Sport : Mein WM-Held

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An dieser Stelle verraten Sportler, Politiker und Künstler, wer sie bei einer WM für den Fußball begeistert hat. Heute: Bundeskanzler Gerhard Schröder über Lothar Emmerich.

Von den mehr als 250 deutschen Nationalspielern, die je an einer WM teilgenommen haben, war er mit Sicherheit nicht der auffälligste. Er hat auch nie eine WM allein entschieden. Und doch ist Lothar Emmerich mein ganz persönlicher WM-Held. Denn er hat einen jener unvergesslichen Momente geschaffen, für die wir den Fußball so lieben.

Es war während des Turniers 1966 in England, im letzten Gruppenspiel gegen Spanien. Nach einem Sieg gegen die Schweiz und einem Unentschieden gegen Argentinien durfte die deutsche Mannschaft dieses Spiel nicht verlieren, wenn sie ins Viertelfinale kommen wollte. Wir lagen aber schon früh mit 0:1 im Rückstand. Bis Emmerich kam. In einem Buch über diese WM hieß es sinngemäß: „Im Spiel war keine Linie, der Motor der deutschen Mannschaft stotterte. Doch dann fand Lothar Emmerich das defekte Zündkabel und flickte es mit einem fulminanten Schuss von der linken Torauslinie, den er aus unmöglichem Winkel direkt unters Gebälk des spanischen Torhüters hämmerte.“ Welche Poesie! Wir haben zwar, als wir vorm Fernseher saßen, vielleicht nicht unbedingt an ein defektes Zündkabel gedacht – aber das Raunen und Staunen, den Ruck, der durch die Mannschaft ging, das spürten wir alle. Die Spanier haben sich von diesem Schock nicht mehr erholt, und Uwe Seeler, natürlich auch er ein ganz Großer der deutschen WM-Spieler, konnte das Spiel durch sein 2:1 für Deutschland entscheiden. Dadurch blieben wir im Turnier und schafften es bis ins tragische Finale von Wembley.

Abgesehen davon, dass noch 36 Jahre später von diesem Torschuss gesprochen wird, als sei es gestern passiert, war das Bewundernswerte an „Emma“, dass er immer den Mut hatte, das völlig Unvorhergesehene und Unvorhersehbare zu tun. Er war ein großartiger Mannschaftsspieler, aber auch einer, der immer den Ball forderte und Verantwortung übernahm. Sein „Gib-mich-die-Kirsche“, meist dem kongenialen Mitspieler Siggi Held zugerufen, gehört zu den legendären Sätzen des Fußballs. Emmerich hatte eben nicht nur die gefürchtete „linke Klebe“, sondern vor allem das, worauf es im Fußball am meisten ankommt: den direkten Zug zum Tor. Dass er mit seiner Bodenständigkeit im Ruhrpott und seiner Treue zu seinem (und meinem) Verein Borussia Dortmund einen Typus des Fußballers verkörpert hat, den es in unserer Zeit im Weltfußball immer weniger gibt, erhöht nur meinen Respekt vor Lothar Emmerich. Bei ihm konnte man immer sicher sein, dass es ihm beim Fußball um das Wesentliche ging: die Leidenschaft, die Spielfreude und das Toreschießen.

Es heißt, in jeder Mannschaft seien die wahren Individualisten, manche sagen auch: die Fußball-Verrückten, der Linksaußen und der Torwart. Für Lothar Emmerich galt das mit Sicherheit ebenso wie für den Mann, der eigentlich schon jetzt unser aller Held der WM 2002 ist: Torwart Oliver Kahn. Solche Männer machen den entscheidenden Unterschied aus.

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