Sport : „Mein Ziel ist es nicht, die Nummer eins zu sein“

NOK-Chef Klaus Steinbach über Fehler bei der Leipziger Olympia-Bewerbung und Freundschaften unter Sportfunktionären

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Vor drei Monaten war die olympische Welt noch in Ordnung. Nach spannendem Wettstreit wählte das Nationale Olympische Komitee (NOK) Leipzig zum deutschen Bewerber für die Olympischen Spiele 2012. Nun muss sich die Stadt gegen internationale Konkurrenten wie New York, London, Paris oder Rio de Janeiro durchsetzen. Doch zuletzt wirkte Leipzig nicht gut aufgestellt. Das Bewerbungskonzept ist nicht auf Weltniveau, unter anderem wegen der geringen Hotelkapazitäten und der Einbeziehung weit entfernter Städte wie Riesa und Dresden. Zudem gab es Streit in der Bewerbungsgesellschaft um den designierten Geschäftsführer Mike de Vries, der von NOKChef Klaus Steinbach favorisiert worden war.

Herr Steinbach, beim Treffen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Prag waren Sie nicht dabei, außerdem haben Sie Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee als „Nummer eins“ der Leipziger Bewerbung bezeichnet. Ist Ihr Rückzug freiwillig?

Was für ein Rückzug? Ich bin nach wie vor Aufsichtsratschef der Bewerbungsgesellschaft. Und dass der Bürgermeister von Leipzig eine zentrale Rolle spielt, ist völlig klar. Er muss sich jetzt um die internationalen Kontakte kümmern – deshalb hat er in Prag unsere Akkreditierung wahrgenommen. Mein Ziel ist es nicht, Nummer eins, zwei oder drei zu sein. Mir geht es um vernünftige Arbeitsteilung und um den Erfolg der Bewerbung.

Haben Sie Fehler gemacht?

Es wäre anmaßend zu glauben, man kann eine Bewerbung auf den Weg bringen, ohne dass Fehler passieren. Niemand sollte erwarten, dass wir unfehlbar sind. Das wäre unmenschlich, ja übermenschlich. Und ich bin kein Übermensch.

Welche Fehler sind passiert?

Sicherlich hatten wir Kommunikationsprobleme. Mit der unseligen Personaldiskussion um den Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft, Mike de Vries, hat sich der Sport keinen Gefallen getan.

Herr de Vries war Ihr Favorit. Hätten Sie durch eine bessere Kommunikation im Vorfeld die Diskussion verhindern können?

Man kann im Leben immer alles anders machen. Aber die Frage ist: Wäre ein anderer Weg besser gewesen? Ich habe meinen Personalvorschlag lange für mich behalten und erst mal Sondierungsgespräche geführt, darüber waren die Vertreter Sachsens und Leipzigs offenbar etwas verärgert. Aber hätte ich Herrn de Vries schon vor der nationalen Olympia-Entscheidung vorgeschlagen, wäre wahrscheinlich die Diskussion über seine Person zu einem früheren Zeitpunkt ausgebrochen. Das wollte ich verhindern.

Als Sie im Urlaub weilten, hat der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, in der Heimat verkündet, dass Herr de Vries abberufen worden sein soll.

Dabei gab es dazu gar keinen Beschluss. Herr von Richthofen hat nur öffentlich kundgetan, dass er so etwas gehört haben will. Diese, auch von den Medien geschürte Diskussion hat der Bewerbung nicht gut getan und Herrn de Vries erheblich geschadet.

Ist Manfred von Richthofen eigentlich noch Ihr Freund?

Ja, aber auch Freunde dürfen mal unterschiedlicher Meinung sein. Ich würde mir wünschen, dass mich die deutschen Sportfunktionäre tatkräftig unterstützen – das gilt besonders für den Präsidenten des Sportbundes. In den vergangenen Wochen gab es leider Dissonanzen. Im Mannschaftssport heißt es immer: Nur gemeinsam sind wir stark. Das ist auch in der Sportführung so.

Die Personaldiskussion ist ja nur ein Teil des Problems. In Leipzig fehlt es auch an Hotels und einem ausgereiften Sportstättenkonzept.

Es gibt keinen Grund zur Panik. Wir haben noch ein halbes Jahr Zeit, das Konzept zu optimieren. Es gibt weltweit keinen Konkurrenten, der derzeit weiter ist als Leipzig.

Aber London und New York haben genügend Hotelbetten. In Leipzig gibt es gerade mal 25 000 Betten, das IOC fordert 42 000.

Na, dann fehlen ja nur noch 17 000. Aber ernsthaft: Warten Sie doch erst einmal die Vorstellung des fertigen Konzepts ab.

Gut, aber Sie brauchen die Betten bis zum ersten Bewerbungsschluss im Januar 2004 …

Das stimmt nicht. Wir müssen nur Garantien abgeben , dass bei den Spielen 42 000 hochwertige Betten zur Verfügung stehen. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Wir müssen auch nicht bis 2004 alle Sportstätten bauen. Was würde es nützen, wenn in acht Bewerberstädten schon alle Stadien stehen? Das wäre nicht umweltfreundlich – und es wäre ökonomisch völlig unsinnig.

Ist es sinnvoll, dass Olympia in Leipzig auch im 90 Kilometer entfernten Riesa stattfindet?

Das IOC verlangt kompakte Spiele. Das heißt nicht, dass alles in einer Stadt stattfinden muss. Sie können nicht einfach alle Stadien und Hallen am Stadtrand auf eine Wiese hinbauen und sagen: So, da stelle ich mir die Infrastruktur und alle Hotels drumherum.

Sind Olympische Spiele von Leipzig bis Riesa nun kompakt oder nicht?

Ich werde das nicht an einer Stadt durchdiskutieren. Zur Kritik an den Partnerstädten von Leipzig: Die Winterspiele 2010 werden auch nicht allein in Vancouver stattfinden, sondern ebenso in der Umgebung. Oder Turin 2006: Dort wird man drei Stunden unterwegs sein zu den Skipisten in den Bergen.

Und das ist jetzt der Maßstab von Leipzig?

Nein, natürlich nicht. Aber es muss eben nicht alles in einer Stadt sein. Auch andere Konzepte bekommen den Zuschlag.

Auch Konzepte, die mit einem eher provinziellen Slogan wie „Spiele mit uns“ antreten?

Natürlich bekommt Leipzig einen neuen Slogan und ein neues Logo. Ein Wettbewerb läuft bereits. Aber es hat keinen Sinn, jetzt über die internationale Darstellung der Bewerbung zu reden. Erst ist das sportliche und städteplanerische Konzept wichtig, danach die Botschaft. Man kann nicht jeden Baustein im Vorfeld zerreden. So riskiert man sehenden Auges die Zerstörung der Bewerbung.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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