MEINE EM : Eine hübsche Landpartie

Marcel Reif über die Reize des kleinen Turniers

Marcel Reif

Dass die Schweiz, dass Österreich schöne Flecken auf der Erde sind, wer wollte das bestreiten? Ich gewiss nicht, ich lebe in der Schweiz. Aber ob die beiden im kommenden Jahr ein alpenländliches Sommermärchen schreiben werden? Mhm, wenn sie sich dem deutschen WM-Fest annähern wollen, dürfte es schwierig werden. Fanmeilen, wie die von Berlin – es dürfte problematisch sein, die zu füllen, dann muss in der Schweiz vom Kleinkind bis zum Greis alles auf den Beinen sein, und die Kuh von der Alm muss auch noch mit. Nein, mit der Weltmeisterschaft dürfen sie sich nicht vergleichen, die Europameisterschaft findet in der Provinz statt, und die hat ihren eigenen Reiz. Alles wird kleiner sein, leiser und gemütlich. Wir alle, wir Stadtbewohner fahren ja am Wochenende gern mal aufs Land, in die gute Luft, die schöne Umgebung – so wird diese EM werden, eine hübsche Landpartie.

In der Schweiz wird die Stimmung gewiss auch davon abhängen, inwieweit die Mannschaft ihr Völkchen mitnimmt. Das sollte klappen, sie haben inzwischen ein hochanständige Nationalmannschaft. Überschätzen braucht man sie allerdings auch nicht. Und wenn, wie unlängst eine Umfrage ergab, 60 Prozent der Schweizer ihrer Mannschaft den Titelgewinn zutrauen, dann birgt diese weltfremde Zuversicht durchaus auch Frustpotenzial. Zum Titel wird es nicht langen, aber mitspielen und Freude verbreiten, das kann die Mannschaft allemal.

Was man von den Österreichern möglicherweise nicht so sagen kann. Dort sollten sie und werden es hoffentlich auch, froh sein, die europäische Welt zu Gast zu haben. Sie dürfen ja ein bisschen mitmachen beim Turnier. Zwar nur als Veranstalter, der eine Qualifikation nicht überstanden hätte – okay, ich halte jetzt mal inne, weil es im letzten Gruppenspiel gegen die deutsche Mannschaft geht und ich mich nicht um Kopf und Cordoba reden will.

Aber eigentlich sollte auch dieses Spiel kein Problem darstellen für die Deutschen. Man muss sie wohl zu den Favoriten zählen, gleich hinter den Italienern, und gleichauf mit Frankreich, das sich von der Zidane-Generation emanzipieren muss, und den Niederländern, bei denen noch unklar ist, ob sie mit Trainer van Basten können oder eher doch nicht wollen. Das sind die großen Vier, denn an ein zweites Griechenland glaube ich nicht, weil der Fußball-Herrgott sich einen solch schlechten Witz nicht zweimal hintereinander erlaubt. Und Spanien? Na klar, Spanien ist wieder Geheimfavorit, und mit großer Wahrscheinlichkeit werden sie dies wieder einmal so lange geheim halten, bis sie ausscheiden.

Noch etwas, was für eine schöne EM spricht: Italien ist Weltmeister und ist es auf effiziente, defensive Weise geworden. Gegen die Italiener muss ein offensives Mittel gefunden werden, was die Großen wissen und die zweite Reihe auch weiß. Dazu zähle ich die Polen, die Kroaten, vielleicht noch die Schweden, die Türken, die allesamt als Team wohl eher nicht fürs Halbfinale taugen, aber mit ihren individuellen Kräften allemal in der Lage sind, Ärger zu verbreiten.

Was besonders die Mannschaft von Joachim Löw betrifft. Gewiss, die Freude nach der Auslosung war berechtigt. Aber damit sollte jetzt Schluss sein, denn Kroatien und Polen und, wie heißen die da noch, die von Cordoba, die würden sich schon freuen, den Favoriten stolpern zu lassen. Die EM in der Schweiz und in Österreich wird eine schöne Landpartie. Ein Picknick wird sie nicht.

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