Sport : Meine Familie ist die Mannschaft

Hoeneß, Kremers und jetzt Boateng: Brüderpaare haben in der Bundesliga eine lange Tradition – warum sie am liebsten zusammenspielen und der ältere Bruder oft der erfolgreichere ist

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Der Trick lag nahe. Schließlich hatte Karlheinz Förster schon Gelb gesehen. Also lief sein äußerlich ähnlich aussehender jüngerer Bruder Bernd zum Schiedsrichter und gab ein Foul zu, das nicht er, sondern sein Bruder im Trikot des VfB Stuttgart begangen hatte. Der Schwede Jonas Eriksson freute sich über so viel vermeintliche Ehrlichkeit und zeigte Bernd Förster die Gelbe Karte. Die Karten blieben in der Familie: Karlheinz sah nicht Rot und durfte weiterspielen.

Die Episode mit der Bruderhilfe in der Förster-Familie ereignete sich 1980 in einem Uefa-Cup-Spiel zwischen Stuttgart und dem 1. FC Köln. Mag sein, dass Bernd Förster früher seinem älteren Bruder am Mittagstisch nicht den Nachtisch gegönnt hat oder bei den beiden Schwaben privat schon mal die Fetzen flogen – in der Außenwelt treten enge Verwandte eben oft als Interessengemeinschaft auf und nicht als Rivalen. Bei den kickenden Brüdern in der Bundesliga war und ist das meist so, von den einstigen Schalker Zwillingen Erwin und Helmut Kremers bis zu den heutigen Schalker Zwillingen Hamit und Halil Altintop. Brüder spielen bevorzugt in einem Team. So fand es Thomas Allofs zum Beispiel komisch, nachdem er nicht mehr mit seinem Bruder Klaus für Fortuna Düsseldorf auflief. „Wir haben uns als Gegner geschont“, sagt Thomas Allofs. „Ich hätte Klaus nicht umgrätschen können.“

In diese Situation kam Friedhelm Funkel nie. Sein jüngerer Bruder Wolfgang und er haben in den achtziger Jahren lange bei Bayer Uerdingen zusammengespielt, und das „auf verschiedenen Positionen“, worauf Friedhelm Funkel Wert legt. „Es gab keine Konkurrenzsituation. Ich habe ihm Tipps gegeben, die er aber bald nicht mehr brauchte, weil er gut genug war.“ Funkel, heute Trainer von Eintracht Frankfurt, glaubt nicht, dass das Vorbild des älteren Bruders schuld daran war, dass der jüngere auch Bundesliga-Profi wurde. „Meine Eltern, Freunde und das ganze Umfeld waren fußballverrückt.“ Auch nach der aktiven Karriere machten die Funkels Karriere in ihrer Sportart. Bei Hansa Rostock saßen die Funkels sogar als erstes Bundesliga-Brüderpaar schon als Trainergespann auf der Bank.

Das Phänomen Geschwister im Profisport scheint ausgeprägt zu sein. Michael und Ralf Schumacher in der Formel 1 oder die Williams-Schwestern im Tennis sind prominent, aber Ausnahmen, sagt Hartmut Kasten, Familienforscher aus München und Buchautor von Werken über Verhältnisse von Geschwistern. „Es ist eher selten der Fall, dass Geschwister denselben Beruf ergreifen.“ Das sei im Profifußball nicht anders. „Dort nehmen wir es nur stark wahr, eben weil es etwas Besonderes ist.“ Tatsächlich gab es bisher nur acht Brüderpaare, die es in die Nationalmannschaft der Bundesrepublik geschafft haben, und mit den Altintop-Brüdern und Kevin-Prince und Jerome Boateng von Hertha BSC sind zurzeit unter mehr als 400 Profis nur zwei Brüderpaare in der Bundesliga im Einsatz.

Laut Hartmut Kasten suchen insbesondere jüngere Brüder die „Deidentifikation“ und wollen nicht unbedingt dem Vorbild des größeren Bruders nacheifern. „Der ältere Bruder gilt meist als der Klügere, da wird der Jüngere oft untergebuttert.“ Daher sei es häufiger der Fall, dass sich der Jüngere um seine „eigene Begabungen“ kümmere. Schlagen Brüder doch eine ähnliche Karriere ein, ist es oft so, dass der „Stammhalter“, der ältere Bruder, der erfolgreichere ist. Das lasse sich für den Fußball „vorsichtig verallgemeinern“, sagt Familienforscher Kasten. Prominente Beispiele gibt es: Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Allofs schienen ihren jüngeren Brüdern Dieter, Michael und Thomas in ihrer Karriere immer ein Stück voraus. Gegenbeispiel: Der ältere Dieter war nie so erfolgreich wie sein jüngerer Bruder Uwe Seeler.

Doch die prominenten Beispiele verklären das gängige Muster. Häufig müssen sich Brüder von Bundesliga-Profis zur Begrüßung „bist-du-nicht-der-Bruder- von …“ anhören, wie Tobias Schweinsteiger – auch wenn er „sehr stolz“ auf Bayern-Bruder Sebastian ist. Immerhin spielt Tobias bei Zweitligist Braunschweig. Kevin Kuranyis junger Bruder etwa tritt in der Kreisliga gegen den Ball. Dabei scheinen sich Geschwister doch bei Schalke besonders wohlzufühlen: Mit Jürgen, Stephan und Klaus Täuber haben es in den Siebzigern und Achtzigern sogar schon drei Brüder zu Einsätzen in dem Klub geschafft. Die prominentesten Schalker Geschwister sind – trotz der Altintops – Helmut und Erwin Kremers. Beide schafften es bis in die Nationalmannschaft, nahmen 1974 als „die Kremers“ sogar eine Schallplatte auf, mit dem Titel: „Das Mädchen meiner Träume.“ Helmut Kremers sagt heute: „Wir waren die Popstars der Bundesliga.“ Eben weil sie als Zwillinge etwas Außergewöhnliches gewesen seien. Und die Brüder hätten sich „blind verstanden“, im Privatleben und auf dem Platz, sagt der inzwischen 57 Jahre alte Helmut. „Da hat man sich über den Erfolg des anderen gefreut, das ist bis heute so geblieben.“

Gutes Verständnis unter Geschwistern zahlt sich aber nicht immer aus. Besonders nicht, wenn man damit prahlt: Bernd Förster gab seinen Trick mit der Gelben Karte im Uefa-Cup Spiel wenig später in einer Fernsehsendung zu – sein Bruder Karlheinz und er wurden für drei Spiele gesperrt. Der 1. FC Köln gewann im Rückspiel und kam eine Runde weiter.

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