Sport : "Meine Frau sagt, im Tor bin ich ihr fremd"

Sie lächeln selten wie nach dem Uefa-Cup-Spie

Jens Lehmann (32) hat eine schwere Woche hinter sich. Für seinen Tritt gegen den Freiburger Coulibaly muss der Dortmunder Torhüter 15 000 Euro Geldstrafe zahlen. Er wurde für vier Spiele gesperrt und für das Länderspiel am Mittwoch gegen die USA ausgeladen. Ein Radiosender empfahl ihm ein Uni-Seminar für Höflichkeit, ein Boulevardblatt stellte ihn als Schläger seit Kindestagen dar.

Sie lächeln selten wie nach dem Uefa-Cup-Spiel gegen Liberec. Sonst erwecken Sie eher den Eindruck, als benötigten Sie einen Imageberater.

Ich glaube nicht. Der könnte mir auf dem Feld ja auch nicht helfen. Um 100 Prozent kann sich keiner ändern. Meine Frau und meine Freunde sagen mir schon, wenn ich mich anders verhalten soll.

Zusammengefasst sind Sie für viele ein Nörgler, der es nicht erträgt, hinter Oliver Kahn die Nummer zwei zu sein. Und dann lassen Sie sich noch zu so einem Tritt wie in Freiburg hinreißen. Sie stehen schlecht da.

Wenn ich es nicht ertragen würde, die Nummer zwei in der Nationalmannschaft zu sein, würde ich gar nicht mehr hinfahren.

Im Bild der Öffentlichkeit wird addiert und wieder heraus gekramt, wenn es um Sie geht.

Wenn mir jemand nicht wohl gesinnt ist, holt er das wieder hervor. Ich habe Kredit verspielt in Freiburg. Ich muss damit leben, dass bei mir genauer hingeschaut wird. Und ich muss an meiner Außendarstellung arbeiten. Aber es wird mir weiter schwer fallen, lächelnd im Tor zu stehen.

Sind Sie sauer, weil viele fordern, Sie sollten nicht mit zur WM fahren?

Das halte ich schon für übertrieben. Ich habe einen Fehler gemacht und mich dafür entschuldigt. Mehr kann ich als Sünder nicht tun. Es gibt andere Möglichkeiten, solchen Dingen zu begegnen.

Welche?

Ich muss versuchen, allen Provokationen aus dem Weg zu gehen, oder ich muss sie mit Gelassenheit ertragen.

Sie lassen sich leicht provozieren?

Ich habe jetzt das erste Mal nachgetreten. Ich hatte Angst, Angst um mein Knie.

Als Junge haben Sie eine Auseinandersetzung mit einem Faustschlag beendet, das stand in verschiedenen Boulevardzeitungen. Dort klang es so, als sei das Ihr Rezept.

Lustig ist, dass vor ein paar Tagen ein Freund anrief, der dabei war. Wir waren zu viert damals, alle Erstklässler. Der, den ich gehauen habe, war aus der vierten Klasse und hat ständig meine Freunde geärgert. Ich war sechs. Das war der erste und einzige Schlag in meinem Leben.

Können Sie denn mit dem Wort Vorbild etwas anfangen, oder ist das für einen Profi grundsätzlich zu viel verlangt? Also Fingernägel sauber, Haare gekämmt und nicht falsch parken.

Wenn es um die letzten drei Voraussetzungen geht, könnte ich ein Vorbild sein.

Und sonst?

Auf dem Platz nicht immer. Da gibt es aber generell nicht viele.

Was sagt Ihr Umfeld zu solchen Bildern wie denen aus Freiburg - Ihre Frau zum Beispiel?

Meine Frau sagt, ich sei ihr fremd, wenn ich Fußball spiele. Im Tor bin ich ein anderer Mensch. Ich muss mir ein gewisses Maß an Aggressivität aufbauen, weil ich als Torwart mehr als andere mit extremen Situationen rechnen muss. Das heißt auch, ich lasse ein bisschen meinen Verstand draußen.

Was tun Sie als Extremsportler, um das zu kanalisieren? Autogenes Training etwa?

Ich mache Konzentrationsübungen. Keine Ahnung, ob das schon autogenes Training ist. Ich hatte nie einen Lehrer, der mir das genau gezeigt hat.

Wie fühlt man sich als Buhmann der Nation?

Ich habe keine Zeitung gelesen und habe daher nicht alles mitbekommen, was auf mich eingeprasselt ist. Außerdem habe ich mich einsichtig gezeigt. Ich arbeite daran, das habe ich versprochen. In der Bundesliga bin ich leider gesperrt und kann das nicht beweisen.

Sie können schwer damit umgehen, dass Sie nicht spielen und sich vor der WM nicht präsentieren können.

Ich habe mit dem Uefa-Cup noch mindestens fünf Spiele, und ich bin bei der WM dabei, wenn alles normal läuft, das hat mir Rudi Völler gesagt. Was Dortmund und die Meisterschaft betrifft - da ärgere ich mich natürlich. Aber ich denke, Philipp Laux wird gut spielen, und am Ende wird für uns die deutsche Meisterschaft stehen.

Sie wirken trotzdem bei Gesprächen sehr distanziert.

Viele Journalisten haben sich sehr kritisch mit mir auseinander gesetzt, da ist es doch normal, dass ich bei Interviews distanziert und vorsichtig bin. Zum Beispiel sehen Sie ja, dass jetzt schon wieder die Geschichte als Sechsjähriger hervorgekramt wird, um mich zu charakterisieren. Das macht mich nachdenklich.

Es gibt Leute, die stellen Sie als egoistischen Kerl aus reichem Elternhause hin .

Meine Eltern sind weder reich noch arm. Ich komme aus ganz normalem Hause. Wenn ich etwas mitbekommen habe, dann eine gute Erziehung. Ich war kein Einzelkind, konnte mir also nicht mehr erlauben als andere, ohne bestraft zu werden. Und wer von der Jugend an Fußball spielt, der ist selten egoistisch. Vor allem Torleute nicht, die Fehler anderer ausbügeln müssen.

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