Sport : Meine Musik ist Trash

Ich bin fußballverrückt, ich bin Schweizer, und ich hatte das Gefühl, ich müsse etwas beitragen zur Europameisterschaft: Also habe ich vor zwei Jahren einen EM-Song geschrieben. Natürlich hätte ich gerne das offizielle Uefa-Lied gemacht, aber letztlich ist so ein Song ein reines Marketing-Tool. Der offizielle EM-Song ist von Shaggy, der hat mittlerweile schon zwei gemacht – wahrscheinlich, weil der eine nicht läuft. Es ist auch nicht entscheidend, ob ein Lied offiziell ist oder nicht. Die Sportfreunde Stiller hatten bei der WM 2006 auch nicht den offiziellen, trotzdem war „54, '74, '90, 2006“ am Ende der größte Hit. Mein Song ist immerhin der EM-Song für das DSF und den SWR.

Natürlich ist es nicht besonders originell, einen Fußballsong „Olé, Olé“ zu nennen. Aber darum geht es auch gar nicht. Journalisten wollen auch oft eine originelle Überschrift machen – und dann steht über dem Artikel irgendeine Grütze, die kein Mensch versteht. Das ist pseudointellektuell. So etwas wollte ich auf keinen Fall. Wenn man für die „Bild“ schreibt, muss man auch andere Überschriften machen, als wenn man für eine seriöse Tageszeitung arbeitet. Ein Song für eine Fußball-EM muss die Lebensfreude der Fans wiedergeben.

Viele Musiker schämen sich, Texte für den Massengeschmack zu machen. Die Frage muss aber heißen: Wie macht man einen Hit? Wie spricht man Fußballfans an? Es gibt natürlich Sachen, die kann man nicht bringen. „I love You“ als Titel geht gar nicht, das ist zu abgedroschen. Aber „Olé Olé“ fanden mein Mitkomponist und ich passend für das Lebensgefühl der Fußball-EM. Und dann muss man schon über dem stehen, was ein paar Kritiker vielleicht sagen. Dann darf man nicht einen Möchtegern-Titel machen, nur damit die Kumpels sagen: „Boah, da hast du dir jetzt aber was Supergeiles einfallen lassen“ – was am Ende des Tages dann aber sonst niemand mitbekommt. Einen Hit zu machen, heißt einen schmalen Grat zu treffen. Ich denke, ich habe ihn getroffen. Die Fußball-EM soll ja auch ein Fest für alle sein.

Viele Zeitungen haben im vergangenen Jahr geschrieben, DJ Ötzi und ich würden den offiziellen EM-Song singen. Das war aber eine Ente. Ich kenne Ötzi nur vom Sehen, es gab nie eine konkrete Planung dafür – und im Übrigen hätte es auch nicht zusammengepasst. Er tummelt sich in der Volksmusikecke, hat dort eine super Nische gefunden, die er super geradlinig bedient. Ich tummele mich irgendwo zwischen Konzert und Cirque de Soleil und habe da meine Nische gefunden. Eine Mischung aus „Billigtechno, Billigrap, Billigpop und Billigreggae“ haben Journalisten meine Musik schon mal beschrieben – aber diese Kritik trifft mich nicht. Denn Journalisten erleben nicht, was bei meinen Auftritten abgeht. Ich kommuniziere über die Musik direkt mit meinem Publikum, dazu brauche ich keine Zeitungen. Meine Musik hatte sowieso noch nie eine Lobby – sie war schon immer Trash. Die „Eurodance“-Welle in der 90er Jahren war super erfolgreich – aber außer uns, die wir diese Musik gemacht haben, hat niemand zugegeben, dass er das gut fand.

Ich sehe mich weniger als Künstler denn als Handwerker. Ich bin kein guter Sänger, kein guter Tänzer, kein guter Komponist. Ich bin von allem Mittelmaß. Ich hätte es in keinem einzigen dieser Fächer zu Spitzenleistungen gebracht. Ich bin wie ein Zehnkämpfer. Deshalb habe ich 13 Millionen Platten verkauft. Ich liebe es, wenn alle das Gefühl haben, sie sind besser – aber wir füllen die Hallen. Wir Schweizer stapeln gerne tief, wir mögen das tierisch, wenn wir unterschätzt werden. Leider hat diese Einstellung unserer Nationalmannschaft nicht geholfen.

Ich hab selbstverständlich die Schweiz angefeuert. Auch wenn wir jetzt schon ausgeschieden sind: Auch das letzte Vorrundenspiel sehe ich im Stadion, natürlich im Trikot. Da macht man keinen auf neutral. Sogar Ihr Deutschen macht das ja jetzt. Früher habt ihr Euch das noch nicht getraut. Wir hatten damit noch nie ein Problem, wir sind stolz auf unsere Flagge: je kleiner das Land, desto verschworener die Gemeinschaft. Das fällt mir auch in anderen Zwergstaaten auf. Uruguay, Paraguay, die sind auch immer ganz verbissen für sich. Und das ist bei uns auch so.

DJ Bobo ist Popmusiker, Sänger, Tänzer und Komponist. Aufgezeichnet von Frederik Jötten.

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