Sport : Meine Tage als Spitzenreiter

An diesem Wochenende geht die Hinrunde der Fußball-Bundesliga zu Ende – gleich sieben verschiedene Klubs führten in dieser Zeit die Tabelle an

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Bayer Leverkusen (1. Spieltag)

„Natürlich haben wir uns über die Tabellenführung gefreut, auch wenn es nur der erste Spieltag war. War ja auch schon ein bisschen länger her, dass wir zuletzt dort oben standen. Nach dem Abstieg des 1. FC Köln war das Spiel gegen Alemannia Aachen so eine Art Ersatz-Derby. Dann gleich 3:0 zu Hause zu gewinnen, das war natürlich ein geiler Saisonauftakt. Man muss aber auch ehrlicherweise sagen, dass die Aachener uns in ihrem ersten Bundesligaspiel nach dem Aufstieg sehr entgegengekommen sind. Das war echt unterirdisch, was die bei uns abgeliefert haben. Auch deswegen ist hier trotz Tabellenführung niemand durchgedreht. Als Fan von Bayer Leverkusen ist man seit dem Vize-Triple 2002 in puncto Euphorie etwas vorsichtiger geworden.“

Andreas Paffrath, Fanbeauftragter

1. FC Nürnberg (2. und 3. Spieltag)

„Tabellenführer bin ich schon oft gewesen: in der Jugend, mit dem VfB Lübeck in der Regionalliga, aber auch schon mit dem 1. FC Nürnberg – in der zweiten Liga. Und jetzt zum ersten Mal in der Bundesliga. Das war eine nette Angelegenheit, aber wir Spieler haben das genauso ernst genommen wie unser Trainer Hans Meyer. Nach dem Sieg in Stuttgart hat er gesagt: „Sollen die anderen doch mal versuchen, diese Weltklasse-Mannschaft von dort wieder wegzuholen.“ So kennen wir unseren Trainer. Bei den Fans war das natürlich etwas anderes. Hier in der Stadt hat unsere Tabellenführung eine kleine Euphorie ausgelöst, und Freunde haben mir erzählt, dass bei ihnen auf der Arbeitsstelle die Tabelle mit dem Club an der Spitze hing. Immerhin haben wir es geschafft, als Tabellenführer zu den Bayern zu fahren und auch als Tabellenführer aus München zurückzukommen. Natürlich wollten wir möglichst lange dort oben bleiben, es sind dann zwei Spieltage geworden. Ich glaube nicht, dass wir das in dieser Saison noch mal erleben werden.“

Raphael Schäfer, Torhüter

Hertha BSC (4. und 6. Spieltag)

„Für mich war es etwas ganz Besonderes. Ich war ja erst kurz bei Hertha BSC. Aber ich hatte schon verstanden, dass das Spiel gegen Schalke unseren Fans viel bedeutet. Umso schöner, dass ich mit meinen beiden ersten Toren im Olympiastadion helfen konnte: Wir haben 2:0 gewonnen. An der Tabellenspitze zu sein, ist immer wunderschön. Das bringt Prestige. In der Schweiz bin ich oft Tabellenführer gewesen. Immerhin habe ich mit dem FC Basel dreimal die Schweizer Meisterschaft gewonnen. Aber die Bundesliga ist natürlich eine andere Liga. Zwei Wochen nach dem Spiel gegen Schalke waren wir noch mal Erster. Beim 2:2 gegen den VfB Stuttgart habe ich zwar kein Tor geschossen. Dafür wurde ich in der Nacht vor dem Spiel zum zweiten Mal Vater. Deswegen war auch dieses Spiel etwas ganz Besonderes – auch wenn wir nicht gewonnen haben.“

Christian Gimenez, Stürmer

Bayern München (5. Spieltag)

„Uns Fans ist es egal, ob wir während der Saison auf Platz eins oder vier stehen. Das sehen wir ganz gelassen. Hauptsache, wir sind am 34. Spieltag wieder Meister. Im Stadion hat sich der Tabellenplatz nur insofern bemerkbar gemacht, als die Erfolgsfans, die nur zum Tabellenführer gehen, nicht da waren. Aber solche Fans gibt es überall, die anderen Vereine werden das ja jetzt auch einmal gemerkt haben. In der Arena war sonst nicht zu spüren, dass wir nur einmal oben standen. Aber da ist die Stimmung in der Bundesliga ohnehin meist bescheiden und nur in der Champions League richtig gut.“

Leander Kirsten, Fanklub

Bayern-Kings

Werder Bremen (7. bis 11. und seit dem 15. Spieltag)

„Es ist immer schön, wenn man in der Tabelle von oben auf die anderen herunter schauen kann. Erster zu sein gibt einem noch mehr Selbstbewusstsein, und ich glaube, dass auch der Gegner dann mehr Respekt hat. Die fahren einfach nicht gerne zum Tabellenführer. Als wir nach dem 6:0 beim VfL Bochum zum ersten Mal Spitzenreiter wurden, war das auch für mich etwas Besonderes. Ich war ja vorher noch nie in der Bundesliga Tabellenführer gewesen. Ich habe schon gemerkt, dass sich die Stimmung in der Stadt danach verändert hat. Die Fans sind gut drauf, man wird von viel mehr Leuten auf der Straße angehalten und beglückwünscht. Aber in der Mannschaft ist das eigentlich kein großes Thema. Wir hängen jetzt auch nicht die Tabelle in der Kabine auf oder so was. Wenn man wie wir längere Zeit oben steht, gewöhnt man sich irgendwann daran. Es ist dann nicht mehr so aufregend wie am Anfang. Aber eines ist klar: Hergeben wollen wir die Tabellenführung natürlich nicht mehr.“

Tim Wiese, Torhüter

VfB Stuttgart (12. Spieltag)

„Spitzenreiter? Das war doch zu einem Zeitpunkt, zu dem es niemanden interessiert hat. Wir haben uns auch die Tabelle gar nicht ausgeschnitten. Wenn ich ehrlich bin, gerade jetzt, in diesem Augenblick, weiß ich gar nicht mehr, wann das war? (Die Redaktion klärt ihn auf: Vor dem Spiel in München.) Ach ja, genau, deshalb die Aufregung damals. Wir aber wussten alle, dass das eine Momentaufnahme ist, wir haben das dann auch nicht hochgehängt. Wichtig ist doch, wo du am Ende der Saison stehst und nicht irgendwann am Anfang oder zwischendrin. Zugegeben, es war ein schönes Gefühl für den Klub und die Mannschaft, aber wir haben das nicht als Highlight gesehen. Außerdem waren wir ja eine Woche später schon nicht mehr Tabellenführer. Vor dem Bayern-Spiel war es deshalb interessant, weil wir allenfalls auf Rang drei zurück fallen konnten. Wir sind in dieser Woche ohne Druck nach München gefahren. Das war wirklich neu und mindestens ebenso schön wie die Tabellenführung.“

Horst Heldt, Teammanager

FC Schalke 04 (13. und 14. Spieltag)

„Es macht zu solch einem frühen Zeitpunkt in der Saison eigentlich keinen Unterschied, ob du Erster bist oder nicht. Ich konnte jedenfalls keine gravierenden Veränderungen bei mir oder in der Mannschaft feststellen. Immerhin hat es uns gezeigt, dass wir mit den Spitzenteams der Liga mithalten können. Die überragende Mannschaft der Hinrunde war in jedem Fall Bremen. Allerdings können wir am Samstag mit einem Sieg bei Arminia Bielefeld den Druck etwas erhöhen. Werder muss ja erst am Sonntag spielen.“

Mirko Slomka, Trainer

Aufgezeichnet von Til Knipper, Stefan Hermanns, Stefan Tillmann, Mathias Klappenbach, Steffen Hudemann, Oliver Trust und Jörg Strohschein.

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