Sport : Meister aller Bälle

9. Februar 2003: Torhüter Oliver Kahn wird nach 803 Minuten ohne Gegentreffer von Naohiro Takahara bezwungen

Daniel Pontzen

Am 24. August 1963, vor 40 Jahren also, ist die Fußball-Bundesliga in ihre erste Saison gestartet. Seitdem hat die Liga viele schöne Geschichten geschrieben. In loser Folge erinnern wir an Rekorde und Glanzleistungen, heute an die längste Zeit ohne Gegentor.

Oliver Kahn denkt in größeren Dimensionen als normale Menschen. Manchmal beginnt er Sätze über sich selbst mit den Worten „wer so viel geleistet hat“ oder „wer so viel erlebt hat“, um seine spezielle Situation zu erklären, und er verschafft seinen Zuhörern dann meist im Erzählstil der dritten Person einen ungefähren Eindruck, was passieren muss, um ihn zu beeindrucken.

Ein Rekord mit vergleichsweise künstlichem Charakter zähle nicht dazu, teilte der Torwart von Bayern München mit, kurz bevor er am 9. Februar die von ihm selbst gehaltene Bestmarke von 736 Minuten ohne Gegentor übertreffen konnte. Kahn musste dazu gegen den Hamburger SV noch 25 Minuten seine Arbeit ohne Schaden verrichten, doch als sich Journalisten erkundigten, welche Bedeutung der Rekord für ihn habe, blieb er eisern unromantisch. „Das ist nicht meine Erfüllung“, sagte er gelangweilt, „es gibt Wichtigeres.“ Außerdem sei es verdammt anstrengend gewesen, vier Jahre zuvor, als er die von Oliver Reck gehaltene Rekordmarke erstmals verbessert hatte.

Der Nationaltorwart war also nur konsequent, als er stur geradeaus starrte in der 25. Minute des Spiels gegen den HSV, in der „Rekord, Rekord“ auf den beiden Anzeigetafeln im Olympiastadion blinkte. Auf die Kirmes, die sich um ihn herum abspielte, schien Kahn überhaupt keine Lust zu haben. Weder die „Hoch soll er leben“-Gesänge der Fans bewegten ihn zu einer kleinen Geste der Freude, noch der begeisterte Stadionsprecher, der den historischen Moment ausrief und versicherte, dass zum Rekord nun „alle 60 Sekunden eine Minute“ hinzukomme.

Vielleicht lag seine Teilnahmslosigkeit daran, dass Kahn nur sich selbst als Rekordhalter ablöste. Als er sich in der Saison 1998/99 an die Spitze der Rangliste setzte, war das noch anders. „Ich müsste lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich auch alle 30 Sekunden auf die Stadionuhr geschaut habe“, verriet Kahn damals. Diesmal sagte er: „Man ist ja froh, wenn die 25 Minuten vorbei sind, dann kann man sich endlich aufs Wesentliche konzentrieren.“

Seine Mannschaft hat sich aufs Wesentliche konzentriert an jenem Sonntagabend, war zeitig in Führung gegangen, beherrschte den Gegner, 90 Minuten lang. Schiedsrichter Lutz Wagner hatte schon angedeutet, es sei jeden Moment Schluss, nur dieser eine Angriff noch. Hamburgs Mehdi Mahdavikia schlug den Ball noch einmal in den Strafraum, Naohiro Takahara schraubte sich in die Höhe, erwischte den Ball, rammte ihn Richtung Münchner Tor – so hart, dass sich, wie der japanische Reporter der Zeitung „Nikkan Sports“ schrieb, „selbst Oliver Kahn, der Schutzgott der Bayern, keinen Schritt bewegen konnte“. Wie auch immer: Die gegentorfreie Zeit von Kahn hatte ein kaum noch für möglich gehaltenes Ende gefunden, nach 803 Minuten.

Anderthalb Stunden später passierte noch etwas Unerwartetes: Der Torwart leistete sich eine emotionale Regung. „Ärgerlich“ sei dieses Gegentor gewesen. Aber: „Über 800 Minuten ohne Gegentor geblieben zu sein, das ist schon toll, ehrlich gesagt. Im Stillen wollte ich das schaffen.“

Wie ärgerlich Takaharas Tor wirklich war, zeigte sich erst in den nächsten Wochen: Vier Spiele in Folge gewannen die Bayern zu null, und beim anschließenden 4:1-Sieg beim VfL Bochum traf Christiansen erst in der 90. Minute ins Münchner Tor. Es wäre eine beeindruckende Zahl herausgesprungen ohne Takaharas Treffer: 1252 Minuten ohne Gegentor. Für solch eine Leistung hätte vielleicht sogar Oliver Kahn ein wenig Ehrfurcht aufgebracht.

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