Meister aus Berlin gefordert : Nachholspiel nach 113 Jahren

Das Finale um die deutsche Fußball-Meisterschaft zwischen Hanau 93 und Viktoria Berlin fiel aus. Die Hanauer konnten sich die Anreise finanziell nicht leisten. Nun wird das Spiel nachgeholt - nach 113 Jahren.

Detlef Rehling[dpa]
070719hannover
Ein Bild der Meister von 1894 liegt leider nicht vor, aber der Stil dürfte ähnlich gewesen sein wie der des Deutschen Sportvereins...Foto: ddp

HanauDie wohl ungewöhnlichsten Nachholspiele der Fußball-Geschichte sollen nach 113 Jahren den moralischen Sieger der deutschen Fußball-Meisterschaft von 1894 küren. Im alt-ehrwürdigen Herbert-Dröse-Stadion will der 1. Hanauer Fußballclub 1893 am Samstag (17 Uhr) im ersten Finale gegen den "Meister vom Grünen Tisch", den BFC Viktoria 1889 Berlin, den Grundstein für die "Revanche" legen. "Ich finde es eine sehr schöne Idee beider Vereine, den moralischen Sieger des ausgefallenen Endspiels von 1894 nach so langer Zeit auszuspielen. Das Finale unterstreicht die große Tradition des Fußballs in Deutschland", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist auch Schirmherr der Veranstaltung.

Die Geschichtsbücher des Fußballs müssen nach den Finals - das Rückspiel findet am 28. Juli im Jahn-Park-Stadion am Prenzlauer Berg statt - nicht umgeschrieben werden. Die Hanauer, die 1894 aus Finanzgründen die Reise nach Berlin absagen mussten, akzeptieren auch 113 Jahre später die Entscheidung des damaligen Deutschen Fußball- und Cricket- Bundes, der den BFC Viktoria kampflos zum Sieger erklärte. "Wir wollen nur die Sache im Sinne des Sports ein für allemal klären", begründete Hanaus Vorsitzender Thomas Tamberg seinen nostalgischen Vorstoß. Der DFB, der erst sechs Jahre nach dem ausgefallenen Endspiel gegründet wurde, übernahm die Viktoria als ersten Titelträger.

BFC Viktoria Berlin ist der Favorit

Hinter jeder Spaßveranstaltung steckt auch Ernst. Wirtschaftliche Interessen verneinen beide Clubs nicht. Die großen Zeiten von Hanau 93 liegen lange zurück. Nach zehn Jahren in der 2. Liga verschwand der Club 1978/79 aus dem bezahlten Fußball. Präsident Tamberg will den heutigen Bezirksligisten in höhere Gefilde zurückführen. Das Endspiel am Samstag soll bei regem Medieninteresse Signalwirkung zeigen und den Bekanntheitsgrad steigern. Die Favoritenrolle aber liegt bei der Berliner Viktoria. Sie spielt zwei Klassen höher in der Verbandsliga und plant zum Rückspiel einen Empfang im Roten Rathaus.

Zur Vermarktung holten die Hanauer eine Agentur ins Boot. Tamberg sieht im "vergessenen Endspiel" zwar einen "Sechser im Lotto", doch beklagt er auch die hohen Kosten, weil die Veranstaltung einem Finale würdig sein soll. Rund 1500 Karten gingen im Vorverkauf weg. Mit gut 3000 Zuschauern wird beim Nostalgiefest gerechnet. Einige lassen sich das Ereignis viel kosten. Immerhin zehn VIP-Pakete verkaufte Hanau 93, das teuerste dem Anlass entsprechend für 1894 Euro. Daumendrücken wird den 93ern auch Weltmeister Rudi Völler. Der gebürtige Hanauer kickte aber für den Lokalrivalen TSV 1860 Hanau. "Ich drücke den 93ern die Daumen", sagte der ehemalige DFB-Teamchef. Und wenn es nicht klappt, bleiben die Hessen das, was sie seit 1894 sind: deutscher Vize-Meister.

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