Sport : Meister der Depression

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Richard Leipold über das Scheitern der Schalker in Europa

Schalke 04, der Klub der Emotionen, hat sich selbst in eine Depression gestürzt. Das 1:4 gegen Wisla Krakau, das zum Ausscheiden aus dem UefaPokal geführt hat, wirkt wie ein Schock. Manager Rudi Assauer vergleicht die unehrenhafte Entlassung aus dem europäischen Fußball mit der verlorenen Meisterschaft vor anderthalb Jahren.

Auf den ersten Blick sind beide Ereignisse nicht zu vergleichen. Wenn eine Mannschaft in der Nachspielzeit des letzten Bundesligaspieltages den Titel verliert, weil der FC Bayern in einem anderen Stadion noch ein Tor schießt, wiegt die Enttäuschung schwerer als beim frühen Ausscheiden aus dem Europapokal. Dennoch ist der Rückblick an den tränenreichen Nachmittag im Mai 2001 durchaus angebracht. Diesmal müssen die Schalker nicht einfach nur aufstehen; sie müssen sich ändern. Anders als einst im Mai sind sie nicht der moralische Sieger, der Meister der Herzen, mit dem fast die ganze Republik leidet. In diesem Jahr wird kein Pokalsieg die Tränen eine Woche nach dem Trauerspiel trocknen. Kein Schiedsrichter ist schuld, auch nicht das notorische Glück der Bayern. Die Schalker müssen die Ursachen diesmal bei sich selbst suchen. Das fällt gerade Fußballprofis und ihren Trainern nicht leicht.

Schalke erlebt die schwerste Stunde seit dem Umzug in die prächtige Arena, in der das Fußballunternehmen architektonisch, nicht aber sportlich internationale Maßstäbe gesetzt hat. Mit dem Stadion, das längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist, sind auch die Ansprüche an die Mannschaft stark gewachsen. Offenbar ist die Qualität der Mannschaft nicht schnell genug mitgewachsen. Erst die Rückrunde wird zeigen, ob der Misserfolg nur auf die Müdigkeit der Leistungsträger und den Mangel an frischen Ersatzkräften zurückzuführen ist, wie Trainer Neubarth glaubt, oder auf die Charakterschwäche einiger Spieler, wie Manager Assauer sagt.

Auch wirtschaftlich bleibt das überraschende sportliche Scheitern nicht ohne Folgen. Vor einem halben Jahr fühlten die Schalker sich in ihrem Kerngeschäft Fußball stärker denn je, räumten aber Schwächen im Umgang mit Weltstars aus anderen Kunstrichtungen ein. Auf diesem Gebiet haben sie schneller gelernt, als sie es selbst erwartet haben. Herbert Grönemeyer und Robbie Williams kommen bald in die Arena, Fußballmannschaften von vergleichbarem Rang fürs erste nicht mehr.

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