Sport : Meister der Form

Die letzten Stühle von Maarten van Severen

Rolf Brockschmidt

Er ist ganz neu und sieht doch schon aus wie ein Klassiker. Anklänge an Mart Stam sind nicht zu leugnen und dennoch ist der .05 von Maarten van Severen ein neuer Stuhl, eine Weiterentwicklung des .03, mit dem er innerhalb kürzester Zeit zu einem der bedeutendsten belgischen Designer aufstieg. Der .05-Stuhl ist ein Freischwinger, praktisch ein .03 auf Kufen. Dieser erste, 1998 zusammen mit Vitra entwickelte Stuhl besteht aus Aluminium, Stahl und Polyurethan. Rückenlehne und Sitzfläche sind aus diesem geschäumten Kunststoff. Er sieht hart aus, gibt aber nach und ist bequem. Und der Clou, in der Rückenlehne sind zwei Federn am oberen Ende eingelassen, die elastisch auf das Körpergewicht reagieren. Wer einen empfindlichen Rücken hat und harte Lehnen hasst, ist mit van Severens Stuhl .03 gut bedient. Er zierte rasch den Belgischen Pavillon auf der Biennale in Venedig und ist mittlerweile in vielen öffentlichen Gebäuden und Restaurants zu sehen.

Neu ist für van Severen der Mut zur Farbe – den Freischwinger gibt es jetzt auch in einem dezenten Rot. Der letzte Stuhl, der .06 ist ebenfalls ein Freischwinger, aber niedriger, mit tieferer Sitzfläche und einer stärkeren Neigung nach hinten, sozusagen ein Lounge-Freischwinger für das relaxte Sitzen. In seinem filigranen Erscheinen geradezu das Gegenteil eines üppigen Lounge-Sessels.

Es sind dies seine letzten Möbel, denn Maarten van Severen, dem das Designmuseum in Gent noch in diesem Jahr eine Werkschau gewidmet hatte, ist Anfang Mai im Alter von 48 Jahren an Krebs gestorben. Van Severen hat kein Früh- oder Hauptwerk abgeliefert, was er entworfen hat, sitzt. Bevor Rolf Fehlbaum von Vitra 1994 mit ihm zusammentraf, hatte er seine Entwürfe im eigenen Atelier selbst gebaut. Ein Perfektionist, der im Bau des Originals seinen Entwurf testete. Erst durch Vitra fand er zur industriellen Herstellung. „Hätte ich diesen Stuhl so gebaut, wie ich es ursprünglich wollte, so hätte ich zwei bis drei pro Tag gefertigt. Heute kommt alle zehn bis 15 Minuten ein Stuhl aus der Fabrik“, sagte er vor fünf Jahren dieser Zeitung. Maarten van Severen hat gezeigt, welchen Weg man mit innovativen Materialien gehen kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben