Sport : Meister der Schmerzen

Daniel Pontzen

Es gehört zu den schwierigeren Dingen im Leben, Augenkontakt mit Oliver Kahn aufzunehmen. Bei Interviews schaut er gewöhnlich mit festem Blick am Fragesteller vorbei und visiert den Fanblock an. Nach dem gestrigen Spiel seines FC Bayern gegen den 1. FC Köln machte Kahn eine Ausnahme. "Wir haben uns vorgenommen, etwas Unmögliches möglich zu machen. Aber das muss man auch in jeder Sekunde spüren", sagte Kahn und sah den verdutzten Interviewer vom Bezahl-Fernsehen derart drohend an, als habe der Anteil gehabt an den schwachen 90 Minuten: "Es reicht nicht, in der Kabine zu stehen und zu sagen: Wir gehen raus und werden Meister." Nimmt man das Ergebnis zum Maßstab, könnte sich Kahn irren. 3:0 gewann der FC Bayern trotz einer der schwächsten Saisonleistungen. Und hat den Abstand zu Spitzenreiter Leverkusen konstant gehalten. "Wir wollen Meister werden. Fünf Punkte in sechs Spielen sind aufholbar", sagte Trainer Ottmar Hitzfeld.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Dabei machten die Bayern-Profis in den ersten 45 Minuten den Eindruck, als seien sie schon bei der mentalen Spielvorbereitung des Champions-League-Viertelfinales gegen Real Madrid. Vielleicht waren es die königlich-weißen Trikots der Kölner, die die Bayern ablenkten. Am Spielgeschehen wirkten sie so beteiligt wie beim PR-Termin eines Nebensponsors. Die Kölner, bereits so gut wie abgestiegen, bemühten sich, das scheinbare Desinteresse auszunutzen. Sie bündelten ihre in Grenzen vorhandenen Mittel, immerhin reichte es zu drei guten Gelegenheiten. Die Gastgeber langweilten mit Kick-and-Rush, vor allem Stefan Effenberg und Jens Jeremies machten einen uninspirierten Eindruck. Zweitklassige Chancen entsprangen dem Zufallsprinzip.

Nach dem Wechsel stellte sich zunächst keine erkennbare Besserung ein. Die größte Gelegenheit vergab ein Kölner: Carsten Cullmann traf nach Voigt-Vorlage nur die Latte. "65 Minuten war das absolut schwach", gab Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zu, um eine schlichte wie treffende Kurzanalyse nachzuschieben: "Dann haben wir ein Tor gemacht, und das Spiel ist zu unseren Gunsten gekippt." Es passte ins Bild, dass die aus Bayern-Sicht glückliche Wende einer Individualleistung entsprang und nicht Produkt eines harmonierenden Kollektivs war: Giovane Elber ließ sich an der Strafraumgrenze anspielen, drehte sich um Gegenspieler Rigobert Song und schlenzte den Ball unhaltbar ins Toreck. "Eine tolle Einzelleistung", hob Hitzfeld in Ermangelung sonstiger lobenswerter Aspekte heraus. Auch die Statistik verlieh dem Treffer Ausnahmestatus. Es war Elbers 107. Erfolgserlebnis in der Bundesliga - so viel hat kein anderer ausländischer Stürmer verbucht. Quasi zum Beweis seiner Qualität, die er wegen einiger Nicht-Nominierungen zuletzt unterschätzt wähnte, legte er Nummer 108 wenig später nach: Eine Hargreaves-Flanke köpfte der Brasilianer aus sechs Metern ein.

Zwischenzeitlich hatte sich ein anderer für den FC Bayern verdient gemacht. Das 2:0 nämlich hatte der Gastgeber dem Aktionismus des Schiedsrichters zu verdanken. Roque Santa Cruz war nach einem geschäftsüblichen Körperkontakt zu Boden gegangen und mit einem Elfmeter belohnt worden. Ein Geschenk, das die Bayern nicht nur zum Ausbau der Führung nutzten. Hasan Salihamidzic, nach viermonatiger Verletzungspause erstmals im Ligabetrieb eingesetzt, durfte sich mit der erfolgreichen Strafstoß-Ausführung eine Portion Selbstvertrauen abholen. "Er hat schon wieder stark gespielt", sagte Hitzfeld - wie schon am Mittwoch, als er in seinem ersten Kurzeinsatz in der Champions League mehr Tatendrang ausatmete als die meisten seiner Kollegen.

Endlich wieder einer da, der den Erfolg sucht beim FC Bayern, wird sich Kahn denken. Einer, der ihm in die Augen schauen kann. Ohne rot zu werden.

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