Sport : Meister im Improvisieren

Michael Greis startet heute in die Biathlon-Saison. Die Außenseiter-Rolle ist neu für den Routinier.

von

Berlin - Wie gut, dass Michael Greis Biathlet ist und nicht Fußballer. Sonst könnte er heute wohl kaum antreten; nicht mal anständiges Joggen ist bei ihm im Moment drin. Skilanglaufen und Schießen – das geht aber schon nach seinem Syndesmosebandriss. Jener Verletzung also, die den Fußballer Michael Ballack im vergangenen Sommer die Teilnahme an der Weltmeisterschaft kostete.

Michael Greis startet beim ersten Weltcup in Östersund, der heute mit dem Einzel der Männer beginnt (17.15 Uhr, live bei ZDF). Und trotzdem hat sich mit dem inzwischen reparierten Bändchen in seinem linken Sprunggelenk etwas Entscheidendes verändert. Die Biathlon-Welt wird ihn während der Wettkämpfe in Schweden und vermutlich auch noch eine Weile danach weniger scharf begutachten, als er es gewohnt ist. „Diesmal sind die Erwartungen an mich nicht sehr groß“, sagt Greis, und wirkt mit seiner fröhlich wippenden Stimme gar nicht so unglücklich darüber. Die vergangenen paar Jahre stand der 35 alte Bayer oft im Mittelpunkt, obwohl er meistens an den vorderen Plätzen vorbeirauschte. Oder eigentlich: weil er vorbeirauschte. Zwar kam Greis in der vorigen Saison dreimal unter die besten Drei und wurde im Gesamtweltcup Sechster. Doch die Ansprüche an jemanden, der einmal drei Goldmedaillen bei einem olympischen Turnier gewonnen hat, sind eben andere.

Seit den Turiner Erfolgswochen von vor sechs Jahren rennen bei Michael Greis auch immer die Erwartungen mit – die von außen, aber vor allem seine eigenen. Die Triumphe, die ihn damals unter anderem zum Sportler des Jahres machten, vertragen sich nicht mit der Rolle eines besseren Mitläufers. „Nur dabei zu sein, ist es dann doch nicht“, sagt er. Und dass es schwierig sei, den eigenen hohen Erwartungen gerecht zu werden. Erst recht, wenn die äußeren Umstände und der eigene Körper einen zusätzlich behindern. So wie in diesem Herbst. Zu wenig bis gar keinen Schnee hat es für ein ordentliches Training in der Heimat gegeben, dazu kamen erst eine Allergie und dann die Sache mit dem Syndesmoseband.

Drei Wochen lang humpelte Greis mit einem Gips durch die Gegend, danach mit einer Schiene. An eine richtige Vorbereitung war da nicht zu denken – lange war ungewiss, ob er überhaupt zum Saisonauftakt fit werden würde. Was bleibt da anderes übrig als feiner Sarkasmus? „Gut improvisiert ist besser als schlecht geplant“, sagt Greis zu seinem Programm der vergangenen Wochen. Große neue Pläne hatten ihm zuvor auch nicht dabei geholfen, seine alte Stärke wiederzufinden. Kein Trainerwechsel, keine veränderten Trainingsmethoden und auch nicht die 17. Neujustierung der Waffe. Geblieben ist nur die Erkenntnis, „manchmal zu ungeduldig zu sein“.

Mehr als zwei Jahre wartet Greis nun schon auf einen Sieg im Weltcup, und er gibt gerne zu, dass sich deswegen „schon viel im Kopf abspielt“. Anders als der Fußballer Michael Ballack hat der Biathlet Michael Greis einen, ja gleich drei ganz große Titel geholt. Aber auch die konnten es nicht verhindern, dass die internationale und die junge Konkurrenz aus dem eigenen Land wie Arnd Peiffer plötzlich häufiger an ihm vorbeispurtete. Michael Greis versuchte mit den risikoreichen Schnellschusseinlagen der jungen Wilden mitzuhalten, knallte sich damit allerdings so manches Mal ins Abseits. Die wohl dramatischste Episode ereignete sich bei der WM im zurückliegen März, als Greis sein Team in der Staffel kurz vor Schluss noch aus den Medaillenrängen schoss, woraufhin er im Zielbereich fassungs- und wortlos davonstapfte.

„Der Michi ist dreimal Olympiasieger geworden, der kann es nicht verlernt haben“, hat sein Trainer Fritz Fischer einmal gesagt. Verlernt hat der Michi den Biathlonsport sicherlich nicht, aber womöglich hat sein Wunsch, es allen – und sich selbst – noch einmal beweisen zu wollen, ihn ein wenig gelähmt. Jetzt tritt er als Außenseiter an. Und vielleicht liegt genau darin seine Chance. Wenn niemand etwas erwartet, kann Michael Greis nur im positiven Sinne überraschen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben