Sport : Meister unter Vorbehalt

Juventus Turin droht nach dem 29. Titel der Absturz Die Justiz jagt die italienische Fußball-Mafia

Vincenzo Delle Donne[Turin]

Am letzten Spieltag gewann Juventus Turin mit 2:0 gegen Reggina und besiegelte formell den 29. Titelgewinn. Die obligaten Feiern gerieten nach dem Auswärtsspiel zu einer wahrlich absurden Veranstaltung. Während auf den Straßen von Turin die Fans feierten, prangerte Fußball-Italien den italienischen Rekordmeister wegen der Manipulation von Spielergebnissen und Meisterschaften an. „Wir werden den diesjährigen Titel nur provisorisch vergeben“, verlautete es durch den zurückgetretenen Verbandspräsidenten Franco Carraro. Und Milan-Mehrheitsaktionär Silvio Berlusconi hatte nach dem Spiel des Tabellenzweiten gefordert: „Ich verlange vom Verband die Zuteilung des letztjährigen und diesjährigen Titels!“

Der Turiner Trainer Fabio Capello gab sich gelassen: „Meine Mannschaft hat sich den Titel regulär erspielt.“ Angesichts des letzten Ermittlungsstandes könnte jedoch nicht nur dieser Titel aberkannt werden, sondern auch einige der Vorjahre. „Juve“ droht gar der Zwangsabstieg in die zweite oder schlimmstenfalls in die dritte Liga.

Dabei war es hauptsächlich Vereinsmanager Luciano Moggi mit seinen Machenschaften, der den Leumund von Juventus verunglimpfte. Mit einer Mixtur aus Kumpanei, Bestechung und Erpressung bestimmte Moggi beispielsweise nicht nur die Schiedsrichter der wichtigen Partien seiner Mannschaft, sondern auch die Geschicke der Ligakonkurrenten und unliebsamen Rivalen. Einige Spieler unter der Federführung von Torwart Gianluigi Buffon machten gar eine Wettgemeinschaft auf und setzten Millionensummen ein. Der Nationaltorwart gab inzwischen die Wetten zu, aber er habe nur auf ausländische Spiele getippt, erklärte er den Ermittlern der Turiner Staatsanwalt.

Mittlerweile gleicht der Skandal einem fußballpolitischen Erdbeben. Das Epizentrum des Skandals sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Neapel. Sie hörte über die gesamte Saison 2004/2005 die Telefone von 41 Verdächtigen ab. 1400 Seiten stark ist die Akte. Man müsse mit weiteren spektakulären Enthüllungen rechnen, hieß es in Neapel. Die Realität übertreffe dabei bei weitem die Fantasie. Doch nicht nur in Neapel wird wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung, Betrug im Sport, Korruption und Wettbetrug ermittelt. Auch in Rom, Turin, Perugia und Parma laufen Parallelermittlungen. Gegen neun Schiedsrichter wird ebenfalls ermittelt. Unter ihnen auch der Fifa-Schiedsrichter Massimo De Santis, dessen WM-Akkreditierung nun zurückgezogen wurde.

Das Ausmaß des jetzigen Skandals lässt sich daran ablesen, dass Staatsanwalt Guariniello eine Kopie der Abhörprotokolle nicht nur an die Staatsanwaltschaft und den Fußballverband in Rom schickte, sondern auch an die Uefa-Zentrale.

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