Sport : Meisterschaft der Automaten

WM in Libyen: Keine Zeit für gutes Schach

Martin Breutigam

Viktor Kortschnoi hat Probleme, seinen Computer mit dem Internet zu verbinden. Doch der Altmeister nennt noch einen anderen Grund, weshalb er in seiner Schweizer Heimat die Schach-WM im fernen Tripolis kaum verfolgt: „Ich habe kein Interesse.“ Kortschnoi ist eine Legende, seine WM-Duelle in Zeiten des Kalten Krieges waren ein Politikum. Er, der Sowjet-Flüchtling, gegen Anatoli Karpow, den Weltmeister und Breschnew-Liebling. Heute ist Kortschnoi 73 Jahre alt – und trainiert immer noch „vier bis fünf Stunden täglich“. Erst Mitte Juni hat er in Ungarn wieder ein Turnier gewonnen, unter anderem vor Alexander Beljawski, der nun bei der WM im Achtelfinale steht.

Auch Kortschnoi bekam eine Einladung für Tripolis. Er habe aber wegen anderer Verpflichtungen abgesagt, weniger weil Libyen ein „verdächtiges Land“ sei, wie er es nennt. „Wir Schachspieler sind keine Politiker“, sagt er. „Trotzdem müssen wir schauen, was in der Welt los ist.“ Einen Preisfonds von 1,5 Millionen US-Dollar stellte Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi bereit – und schon vor Beginn stand das K.o.-Turnier im Zwielicht. Die Gastgeber schlossen die israelischen Teilnehmer faktisch aus. Außerdem spielen die weltbesten Großmeister nicht mit.

Für Kortschnoi ist es sowieso keine richtige WM. Er stört sich am Modus und an der Bedenkzeitregel. In Tripolis dauern die Partien höchstens viereinhalb Stunden, statt sieben Stunden wie im so genannten klassischen Schach. Mit Wehmut in der Stimme erinnert er sich an die Jahrzehnte, in denen WM-Herausforderer noch in langen Kandidatenkämpfen ermittelt wurden: „Ein Weltmeister muss einen Beitrag leisten für die Schachgeschichte, für die Schachstrategie. Es ist falsch, wenn jemand in ein paar Tagen Weltmeister werden kann.“ Keine Chance mehr auf den diesjährigen Titel haben Nigel Short und Wassili Iwantschuk, der Europameister. Sie zählten zu den Favoriten, sind aber nach groben Fehlern ausgeschieden.

Vielleicht sind die beiden Mittdreißiger auch zu alt für diese Art des Schachs. Zumindest sieht Rustem Dautov, der wie seine deutschen Landsleute Graf und Kritz frühzeitig ausgeschieden ist, jüngere Spieler bei kürzeren Bedenkzeiten im Vorteil. „Die Jungen ziehen schneller, sie können die Stellungen besser verarbeiten. Viele von ihnen spielen im Internet Blitzschach, dadurch sind sie im Prinzip immer gut in Form.“

Tatsächlich zocken viele Junggroßmeister Tag für Tag in Foren wie dem amerikanischen ICC. Dort haben sie drei Minuten für die gesamte Partie. In Tripolis bekommen sie für jeden Zug noch einen kleinen Zeitzuschlag. „Dann spielen sie wie ein Automat“, sagt Dautov. Durch das Blitzspiel im Internet sei das allgemeine Niveau im Schnell- und Blitzschach gestiegen, glaubt Dautov. Und genau hier würden die Jüngeren ihre Chancen suchen. Beispielsweise begnüge sich der 17-jährige Armenier Teimour Radjabow in Partien mit längerer Bedenkzeit mit Remisen, um in den schnelleren Tiebreak-Partien zuzuschlagen.

Kortschnois Favoriten unter den letzten 16 Spielern heißen Liviu Dieter Nisipeanu und Alexander Akopjan. „Die spielen bei solchen Turnieren immer gut. Aber Weltmeister sollte man die dann nicht nennen. Weltcupsieger wäre passender.“ Es gebe, sagt Kortschnoi, nach schach-geschichtlicher Logik nur einen wahren Weltmeister: Wladimir Kramnik. „Weil der den besten Spieler der Welt, Kasparow, geschlagen hat.“ Dautov ist froh, wieder zu Hause zu sein. Aus finanzieller Sicht habe sich die Reise auch für ihn ein bisschen gelohnt, die Atmosphäre in Tripolis empfand er hingegen bedrückend. Viel Geld, wenig Weltmeisterliches.

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