Sport : Meisterschaften auf Prüfstand

ERNST PODESWA

Bei Leichtathletik-Titelkämpfen 1997 Abkehr von einer langen Tradition VON ERNST PODESWA

Berlin. Wenngleich die Leichtathletik zur Zeit nicht mit schlagzeilenträchtigen Wettbewerben aufwartet, kann bei Rudi Thiel keine Rede von "Winterschlaf" sein."Von September bis zum Jahresende ist für mich die arbeitsreichste Zeit", sagt der Meetingdirektor des ISTAF, der die Vereinigung der nationalen Veranstalter (German Meetings) leitet und beim OSC Berlin für die Geschicke der Leichtathletik-Abteilung zuständig ist."Da geht es um die penible Abrechnung einer Dreieinhalb-Millionen-DM-Veranstaltung und ihrer Vorbereitung für die nächsten drei Jahre.Und im Vereinsleben ist im Zusammenhang mit der Wechselfrist bis zum 15.Dezember vieles neu zu ordnen: der Einsatz der Übungsleiter, Zielsetzungen, Konzepte, Verhandlungen mit den Sponsoren oder die Suche von neuen Partnern." Ein Glück, daß "Mister ISTAF" als einstiger Architekt und Senatsbeamter sowie heutiger Pensionär zeitlich den Rücken frei hat für leichtathletische Ambitionen. Und einen Blick für die aktuellen Probleme der Leichtathletik hat der Berliner wie kaum ein Zweiter in Deutschland."Ich hoffe, man setzt endlich auch die Veränderungen durch.Das Produkt Deutsche Meisterschaften muß anders dargeboten werden als viele Jahrzehnte lang", meinte Thiel.Er war vom DLV-Präsidium zu einem PR-Forum mit dem Titel "Leere Ränge - tote Hose" eingeladen worden.Dort wurden im Vergleich zu internationalen Meetings bei nationalen Titelkämpfen erhebliche Werbungs- und Organisationsdefizite festgestellt.Wenige Tage später rang sich der Verbandsrat, das höchste richtungsweisende Gremium im DLV, zu einer fast schon revolutionär anmutenden Veränderung in der bald 100jährigen deutschen Leichtathletik-Historie durch: das große Fest der Leichtathletik mit 800 bis 1000 Aktiven an drei bis vier Tagen soll schon am 28./29.Juni in Frankfurt (Main) eine zeitgemäße Fasson bekommen.Nur noch an zwei Tagen wird eine mediengerechte Darbietung ähnlich dem "Event-Charakter" eines Meetings angestrebt: Reduzierung von Vorläufen und Qualifikationen, Auslagerung einzelner Disziplinen.Thiel regte auch die Funktion eines Meisterschaft-Meetingsdirektors an, der die unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche von DLV, Landesverbänden, Sponsoren und Medien unter einen Hut bringen könnte. "Die Vorbehalte mancher Landesverbände oder Vereine, so würde ein wichtiger Anreiz verlorengehen, teile ich nicht.Man könnte die Orientierung der Aktiven auf den Höhepunkt Kleine Meisterschaften lenken", so Thiel. Wenn die Leichtathletik in Deutschland - wie andere Sportarten und selbst König Fußball - einen Mitgliederrückgang unter Kinder und Jugendlichen zu verzeichnen habe, dann sei dies Ausdruck einer Zeiterscheinung: "Ganz abgesehen von anderem Freizeitverhalten, scheint der organisierte Sport nicht mehr so attraktiv für die Jugend zu sein." Immer schwieriger werde auch die Lage für die Vereinsarbeit in der Gesellschaft.Weil die Ansprüche - beim OSC reicht die Spanne vom Sport für Arbeitslose und Rentnern bis zum Hochleistungsathleten - kaum mehr zu bewältigen seien.Weil der Zugriff der Finanzämter auf mögliche Steuern immer dringlicher und die Mitarbeit von ehrenamtlichen Funktionären durch ihre Jobs immer mehr beschnitten werde: "Ich sage nicht den frühen Tod des Vereinslebens vorher, aber es wird immer komplizierter.Der Staat müßte stärker anerkennen, daß hier eine ganz wichtige Basisarbeit für die Sozialgemeinschaft geleistet wird." Berlins Sportanhänger wissen das jedoch wohl zu schätzen und wählten Rudi Thiel bei der Sportlerwahl in der Kategorie Trainer/Manager auf Rang zwei hinter Alba-Coach Svetislav Pesic.

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