Sport : Melancholie schießt Tore

Dank Juan Roman Riquelme steht Argentinien bei der Copa America im Finale

Tobias Käufer[Puerto Ordaz]

Die Melancholie gilt als wesentliches Gemütsmerkmal des kreativen Geistes. Einer der bekanntesten Melancholiker im internationalen Fußball ist Juan Roman Riquelme, und bei der Copa America hat er gerade einen Kreativschub. Mit seinem Zug zum Tor, seinen Pässen und seiner Torgefährlichkeit hat der Mittelfeldregisseur Argentinien ins Finale gegen Brasilien geführt. Auch beim 3:0 im Halbfinale gegen Mexiko bereitete Riquelme wieder ein Tor vor und schoss eines selbst, insgesamt traf er bei der Copa schon fünfmal. Ein Freistoß, ein Kopfball, ein Schuss innerhalb und einer außerhalb des Strafraums, dazu ein Elfmeter des 29-Jährigen fanden den Weg ins Ziel. Dank Riquelme und 16:3 Toren im bisherigen Turnierverlauf ist Argentinien auch im Endspiel der Favorit. Dabei war der kreative Kopf Riquelme bis vor kurzer Zeit noch in einem Leistungsloch verschwunden.

Vergeblich hatte das Volk am Rio de la Plata bei der Weltmeisterschaft in Deutschland auf Geniestreiche des Regisseurs gewartet, der die Nummer zehn von Diego Maradona auf dem Rücken trägt. Der Ball landete zwar immer in den Füßen des Stars, doch von da an fehlte der Schuss Genialität. Seine Auswechslung nach 71 Minuten im am Ende verlorenen WM-Viertelfinale gegen Deutschland erschien wie eine Erlösung vom Druck des Führenmüssens.

Einer wie er, der aus einer guten Laune heraus ein Spiel entscheidet, war schon gedemütigt nach Deutschland gekommen. Riquelme hatte den FC Villarreal, einen bis dato unauffälligen Klub aus der ostspanischen Provinz, ins Halbfinale der Champions League geführt. Doch als der Argentinier am Abend des 25. April 2006 mit einem Elfmeter gegen den FC Arsenal in der Schlussminute am deutschen Keeper Jens Lehmann scheiterte und Villarreal die Verlängerung verpasste, ging etwas zu Bruch.

Riquelme wurde dünnhäutig, fühlte sich von der zunehmenden Kritik verletzt. Als die Presse in Buenos Aires nach einem 0:3 gegen den Erzrivalen Brasilien ihn erneut zerriss, trat er im September kurzzeitig aus der Nationalelf zurück. „Seit dem Ende der WM ist meine Mutter zweimal ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil schlecht über mich geschrieben und geredet wurde. Ich will nicht, dass sie meinetwegen leidet“, klagte er.

Auch bei seinem spanischen Arbeitgeber ging es nur noch abwärts. Trainer Manuel Pellegrini verlor das Vertrauen in dem Regisseur, dieser dann auch die Rückendeckung bei Klubpräsident Francisco Roig. Riquelme war in eine Sackgasse geraten. Der Weg zurück in die Heimat zu Boca Juniors erschien als Flucht vor den Problemen in der „Alten Welt“, doch diese Flucht war der Ausgangspunkt für die Rückkehr Riquelmes zum kreativen Schaffen.

Vor drei Wochen gewann er mit den Boca Juniors die südamerikanische Champions League, die Copa Libertadores. Und jetzt ist er auch noch Torjäger. „In Europa habe ich gelernt, nicht nur quer zu spielen, sondern mit dem Ball auch den direkten Weg zum Tor zu suchen“, erklärt Riquelme. Mit seinem stets traurigen Blick dosiert er weiterhin Dribblings, Quer- und Steilpässe, trifft nun aber auch aus allen Lagen.

Nach dem Turnier muss er zum FC Villarreal zurück. Doch die Spanier wollen ihn wieder loswerden. „Ich hatte Angebote aus Deutschland, den USA und von anderen europäischen Klubs. Aber ich suche für meine Familie ein Heim, das ich hier in Argentinien bereits habe“, sagt Riquelme, der am liebsten mit Boca im Dezember bei der Klub-WM aufträte.

„Ich merke schon, dass mir immer weniger Zeit in meiner Karriere bleibt. Da muss ich jede Partie genießen“, sagt Riquelme. So wie in diesen Tagen des wiedergefundenen Genies auf dem Platz. „Ich fühle mich vom Schicksal begünstigt bei allem, was ich gerade durchlebe.“

Mit dem Gewinn des Copa-Titels, mit dem sich Argentinien zum alleinigen Südamerika-Rekordchampion aufschwingen könnte, wäre Riquelme dann in seiner Heimat als großer Künstler anerkannt.

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