Sport : Mensch-Maschine

Die Nationalelf setzt beim Training in der Schweiz auf moderne Technik

Michael Rosentritt[Genf]

Der Fahrstuhl führt direkt in die Hölle. Hier im „Event-Bereich“ des Stade de Génève, wo an Spieltagen die Vip-Gäste von Servette Genf kulinarisch umschmeichelt werden, pumpen nun eine Woche lang die deutschen Fußballnationalspieler an monströsen Kraftmaschinen. Der knapp 1000 Quadratmeter große Raum wurde eigens für sie in ein großes Fitnessstudio umgebaut. Nur die Schampus-Bar in der Ecke und der Blick nach draußen auf das Alpenpanorama erinnert noch an die eigentliche Bestimmung. Jetzt riecht es hier nach Arbeit.

„Wir haben nur dann eine Chance, wenn wir unsere Fitness an den Level der führenden Teams heranführen.“ Diesen Satz hatte Bundestrainer Jürgen Klinsmann gleich nach seiner Amtsübernahme gesagt und vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) jede Unterstützung erhalten, die Nationalmannschaft wieder auf Vordermann zu trimmen. Als Erstes ließ Klinsmann drei amerikanische Fitnesstrainer einfliegen. „Jürgen hat unsere Arbeit schon eine Weile beobachtet und mich dann angesprochen“, erzählt Mark Verstegen. Der Mann aus Arizona ist Chef der Firma Athletes’ Performance und begleitet mit seinen zwei Assistenten die deutsche Mannschaft seit September 2004.

Verstegen ist ein Mensch im Format eines kompakten Einbauschranks. Er hat zwei Leidenschaften: Fitness und plakative Vergleiche. „Der Spieler, den wir kriegen, ist schon ein Mercedes“, erzählt Verstegen, „wir tunen ihn dann aber zu einem AMG-Mercedes.“ Um seinen Anspruch zu erläutern, verwendet Verstegen gern das Wort „präzise“. „Fitness gewinnt keine Weltmeisterschaft, aber es ist die Basis dafür“, sagt der ehemalige Football-Profi.

Zu Beginn der Arbeit habe man versucht, die Spieler weniger anfällig für Verletzungen zu machen. Danach wurde am „Speed“ gearbeitet, wie er erzählt. Bei der WM schließlich müssten dann Geschwindigkeit, Fitness und Gelenkigkeit zusammenpassen. „Wir sind keine Brasilianer. Doch wenn die körperlichen Voraussetzungen stimmen, kann man viel bewegen“, sagt Klinsmann. Vier Leistungstests dienten dazu, sich ein genaues Bild über Schwächen und Stärken der Spieler zu verschaffen. Die Defizite der Spieler sind sehr unterschiedlich. Bei einem haperte es an der Kondition. Bei anderen sind es die Koordination oder Sprintwerte. „Bei allem, was wir tun, geht es darum, die Aktionsschnelligkeit unserer Spieler zu erhöhen“, sagt Jürgen Klinsmanns Assistent Joachim Löw.

„Wir sind mit dem, was wir bisher erreicht haben, sehr zufrieden“, sagt Oliver Schmidtlein. Der Deutsche ergänzt das amerikanische Trio und sagt: „Auf Sardinien haben wir die Grundlagen, also den Teppich ins Zimmer gelegt. Jetzt kommen die Möbel rein.“ Die Fitnessgeräte, die Verstegen mit entwickelt hat, wurden extra aus den USA eingeflogen. Nach Ende des Trainingslagers in Genf, wo die deutsche Mannschaft gestern ein 70-minütiges Trainingsspiel gegen Servette Genf 2:1 gewann, werden sie nach Berlin verfrachtet, wo die deutsche Mannschaft am 5. Juni ihr festes WM-Quartier bezieht. Das Besondere an den Maschinen ist, dass sie mit Luftdruck arbeiten. Eine Maschine dient beispielsweise ausschließlich der Verbesserung der Antrittsgeschwindigkeit. Dabei legt sich der Spieler bäuchlings in das Gerät, der Oberkörper schwebt frei, er tritt nach hinten in zwei riesige Pedalen.

„Ich fühle mich sehr gut, und ich merke, dass es mir etwas bringt“, erzählt Miroslav Klose. Früher habe er noch gedacht, die Schnelligkeit komme nur aus den Beinen. „Jetzt lernen wir, wie wir die Arme bewegen müssen, um uns mehr Geschwindigkeit zu holen. Das wussten wir alles nicht.“ Das würde vielleicht erklären, warum die deutsche Elf unter Teamchef Völler einen gerumpelten Langsamfußball zelebrierte, der bei der EM 2004 zum Vorrundenaus führte. Die Aussage beweist aber, wie weit der deutsche Fußball der Entwicklung hinterherhinkte. Sebastian Kehl jedenfalls fühlt sich plötzlich „wie aufgeladen“. Und Arne Friedrich schwärmt von den neuen Möglichkeiten. „Das ist eine absolute Vorbildgeschichte und für die Vereine wohl nicht realisierbar. Man kann das einfach genießen hier und mitnehmen.“

Während des normalen Trainings tragen alle Spieler Messgeräte um den Brustkorb, die Daten drahtlos in Laptops senden. „So können wir direkt eingreifen und die Intensität individuell gezielter steuern, so dass jeder sein Maximum erreicht“, sagt Schmidtlein. „Wenn unsere Mittelfeldspieler mehr laufen können als Ronaldinho, sind wir zufrieden.“

Das Training wird so ausgerichtet, dass es nicht zu einer Gewichtszunahme führt, erklärt Verstegen und gebraucht einen weiteren Vergleich. „Früher baute man große schwere Autos, darunter litt die Leistung. Heute macht man sie leichter, um mehr PS herauszukitzeln und zeigt gleichzeitig dem Fahrer, wie man sie richtig fährt.“ Dann klatscht er in die Hände und sagt: „Uns gefällt es, Champions aufzubauen.“

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