Sport : Mensch mit Bruch

Jan Ullrich hat in einem Interview erstmals Doping zugegeben. Einen Betrug sieht der frühere Radprofi darin immer noch nicht.

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Juli, 2005. Jan Ullrich, Deutschlands einziger Tour-de-France-Gewinner, erreicht bei der Frankreich-Rundfahrt hinter Lance Armstrong und Ivan Basso den dritten Platz. Armstrong und Ullrich werden ihre Plätze im Nachhinein jedoch aberkannt.
Juli, 2005. Jan Ullrich, Deutschlands einziger Tour-de-France-Gewinner, erreicht bei der Frankreich-Rundfahrt hinter Lance...Foto: dpa

Berlin - Jan Ullrich hat gestanden. Zumindest ein wenig. Der einzige deutsche Sieger der Tour de France hat in einem Interview mit dem Magazin „Focus“ Blutdoping zugegeben. So zumindest ist seine Aussage zu werten, die Dienste von Eufemiano Fuentes in Anspruch genommen zu haben. „Ja, ich habe Fuentes’ Behandlungen in Anspruch genommen“, sagte der frühere Radprofi. Die 24 Besuche bei dem spanischen Skandalarzt in Madrid, die aus Ermittlungen des Bundeskriminalamtes hervorgingen, bestätigte Ullrich im Grundsatz. „Ich weiß doch heute nicht mehr, wie oft ich bei Fuentes war. Die Zahl könnte aber hinkommen“, sagte er.

Mehr will Ullrich, auf dessen Dopinggeständnis viele jahrelang vergeblich gewartet haben und der stattdessen den Satz „Ich habe niemanden betrogen“ als Mantra vor sich herträgt, nicht dazu sagen. „Fast jeder hat damals leistungssteigernde Substanzen genommen. Ich habe nichts genommen, was die anderen nicht auch genommen haben“, sagte der inzwischen 39-Jährige. „Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.“ Über einen Sieg würden am Ende Talent, Leistungsfähigkeit, Teamgeist und Siegeswille entscheiden. „Und geschadet habe ich mir selbst am meisten, was mein Ansehen in der Öffentlichkeit und mögliche gesundheitliche Folgen – die ich nicht habe – angeht.“ Er habe aber keine anderen Dopingmittel verwendet als sein eigenes Blut. Nun wolle er die Vergangenheit ruhen lassen. „Das Thema ist für mich abgehakt. Ich will nur noch nach vorne schauen und nie wieder zurück“, sagte Ullrich, für den seine Schweigsamkeit immer auch Selbstschutz durch Verdrängen bedeutet hat.

„Ihm sind juristisch die Hände gebunden“, sagt sein Berater Falk Nier. „Er kann definitiv nicht mehr dazu sagen, Jan befindet sich in einem juristischen Labyrinth.“ Ullrichs Toursieg von 1997 ist ihm sportrechtlich ebenso sicher wie seine Goldmedaille aus dem olympischen Straßenrennen von Sydney 2000, eventuelle Vergehen von damals sind verjährt. Nicht jedoch Regelverstöße aus der Zeit bis zu Ullrichs Karriereende 2007, das durch den Dopingskandal „Operación Puerto“ bei der Tour de France und Ullrichs Suspendierung im Jahr zuvor eingeleitet wurde. Nach jahrelangen Verfahren wurde er 2012 vom Internationalen Sportgerichtshof rechtskräftig des Dopings schuldig gesprochen, alle Erfolge Ullrichs seit dem 1. Mai 2005 wurden annulliert. Für die Zeit davor hat er – je nach Vergehen – noch etwas zu verlieren. Vorher geleugneten Kontakt zu Fuentes hatte er 2012 schon eingeräumt. Einmal mehr und inzwischen reflexartig zeigen sich Sportfunktionäre von dem inkompletten Geständnis enttäuscht. „Es ist zu wenig und viel zu spät. Für ein wirklich glaubhaftes Geständnis hätte sich Jan Ullrich schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen“, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach: „Diese Chance hat er verpasst, und selbst jetzt arbeitet er nach meinem Gefühl noch mit rhetorischen Winkelzügen. Das hilft weder ihm noch dem Radsport weiter.“ Auch der deutsche Rad-Verbandspräsident Rudolf Scharping bewertete Ullrichs Aussagen eher nüchtern. „Mit solch einem Geständnis hätte er sich und dem Radsport vor Jahren einen Gefallen getan. Aber mit dem heutigen Radsport hat das nichts mehr zu tun“, sagte Scharping. Auch Ullrichs früherer Teamkollege Rolf Aldag ist wenig beeindruckt. „Die Überraschung hält sich in Grenzen. Er hat bestätigt, was lange bewiesen ist“, sagte der heutige Manager des Teams Quick-Step, der selbst 2007 Doping gestanden hatte.

Ullrichs einstiger Rivale Lance Armstrong hatte bereits Anfang des Jahres jahrelanges Doping mit allen verfügbaren Mitteln wie Cortison oder Wachstumshormon zugegeben. „Beide sind wir nicht davongekommen und schuldig. Ich bin nicht besser als Armstrong, aber auch nicht schlechter. Die großen Helden von früher sind heute Menschen mit Brüchen, mit denen sie klarkommen müssen“, sagte Ullrich. „Mir war immer klar: Auch Lance Armstrong wird nicht davonkommen, selbst wenn er vermutlich jahrelang von der einen oder anderen Institution und dem Weltverband geschützt wurde.“

Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) will jetzt mit Ullrich reden. „Für den sauberen Sport ist es wichtig, dass er nicht nur seine Vergehen zugibt, sondern auch die Namen anderer Beteiligter im Hintergrund nennt. Die Nada wird darüber hinaus versuchen, Kontakt mit Jan Ullrich aufzunehmen, um weitere Indizien und Hintergründe zu erfahren“, heißt es in einer Stellungnahme. „Für die Nada wäre es wichtig, dass er über das Interview hinaus sein Wissen teilt. Ein wirklich umfassendes Geständnis könnte weitere Erkenntnisse bringen.“

Genau das wird er wohl nicht tun. Stattdessen will Jan Ullrich seine Ruhe und aus der Trikotsammlung in seinem Keller „in 20 oder 30 Jahren“ ein Museum machen.

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