Sport : Menschen wie du und ich

Imageträger Nationalmannschaft: Die Spieler sollen künftig auch als Persönlichkeiten dargestellt werden

Michael Rosentritt[Herzogenaurach]

Bis Montag besteht die Chance, ein persönliches Training mit Joachim Löw zu ersteigern. Das ist kein Scherz, sondern eine bewusst inszenierte Internet-Aktion des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zugunsten der SOS-Kinderdörfer. Der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann stellt sich einen Septembertag lang zur Verfügung. Mitbieten können alle, von der Hobbymannschaft bis zur Schulklasse. Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft geht es darum, Sympathiepunkte bei den Menschen zu sammeln. Das geht nur, wenn sich die Nationalmannschaft öffnet.

Man stelle sich einmal vor, Rudi Völler hätte nach dem jämmerlichen Abschneiden bei der EM vor einem Jahr zum Tag der offenen Tür ins deutsche Mannschaftsquartier geladen. Es wäre mit dem Schlimmsten zu rechnen gewesen. Inzwischen ist die Verzweiflung einer Aufbruchstimmung gewichen, was in erster Linie am Erneuerungsgeist der beiden Galionsfiguren des deutschen Fußballs liegt, Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Teammanager Oliver Bierhoff. Während man noch nicht genau weiß, wo die Mannschaft sportlich steht, so ist man dabei, sich ein neues Image in der Öffentlichkeit zuzulegen.

Bei diesem Bestreben fungiert Bierhoff als eine Art Unternehmensberater. Kernstück seiner Arbeit ist es, das gesamte Erscheinungsbild der Mannschaft umzukrempeln. „Bei der EM waren die Spieler für viele Fans noch die Millionäre, die es verdient hatten, nach Hause zu fahren“, sagt Bierhoff, „jetzt aber haben wir einige interessante junge Spieler im Kader.“

Beispielsweise Per Mertesacker. Der ist 20 Jahre alt, fast zwei Meter groß, hat Abitur und absolviert Zivildienst. Wenn Kinder ihn um ein Autogramm bitten, bleibt er stehen und schaut mit seinem wärmsten Blick herunter auf die Knirpse. „Wir möchten den Fans die Spieler als Menschen näher bringen“, lautet eine der Bierhoff’schen Botschaften, „wir wollen der Mannschaft als Gesamtes ein Gesicht geben.“

Wenn es nach Oliver Bierhoff ginge, dann soll die Nationalmannschaft künftig für Dinge stehen, die über den Fußballplatz hinausgehen. Dabei fallen Schlagworte wie Ausstrahlung, freundlicher Umgang, Freude bei den Menschen auslösen. Am ehesten in der Lage dazu sind die jungen Nationalspieler. „Da rückt eine Generation nach, die sehr neugierig, wissbegierig und zielstrebig ist“, sagt Jürgen Klinsmann und meint damit Spieler wie Mertesacker, Schweinsteiger, Owomoyela, Podolski und Hanke. Diese Spieler prägen immer mehr das Gesicht der Mannschaft. Und sie „zeigen eine positive Einstellung zum Job“, sagt Bierhoff.

Mike Hanke beispielsweise hat neulich von seinem Gefühl gesprochen, das ihn überkommt, wenn er morgens die Augen aufschlägt: „Ich freue mich jeden Tag neu, dass ich dabei bin. Ich freue mich auf das Training, auf die Jungs – ein echt geiles Gefühl.“ Als der 21-Jährige am vergangenen Dienstag gegen Tunesien eingewechselt wurde, erzielte der Stürmer sein erstes Länderspieltor.

Klinsmann und Bierhoff setzen auf Persönlichkeitsbildung. Ein Spieler könne nur dann auf dem Platz wachsen und auf höchstem Niveau Verantwortung übernehmen, wenn er als Person wächst. Die Profis sollen sich als Teil eines Gesamtprojekts sehen. „Der Spieler soll verstehen, warum er etwas macht und welchen Nutzen er für seine Entwicklung daraus ziehen kann“, sagt Bierhoff.

Mit dem Mega-Ereignis Weltmeisterschaft vor Augen soll den Menschen im Land die Nationalmannschaft so nah wie möglich gebracht werden. Der Filmemacher Sönke Wortmann etwa fängt während des Confed-Cups Bilder vom Innenleben der Nationalmannschaft ein. Der Regisseur („Das Wunder von Bern“) sitzt mit im Mannschaftsbus, ist in der Kabine und begleitet die Spieler in ihrer Freizeit. „Sollte ich merken, dass ich störe, bin ich sofort weg“, sagt Wortmann. Andernfalls bleibt er noch einige Monate bei der Mannschaft und gibt rechtzeitig zur WM eine Dokumentation heraus. Bierhoff sagt: „Viele haben ganz falsche Vorstellungen über die Abläufe, welcher Druck wirklich auf den Spielern lastet, wie sie Situationen unter Anspannung erleben. Das kann durch eine emotionale Dokumentation rübergebracht werden.“

Vor einigen Tagen hatte die sportliche Leitung eine Art „Get Together“ veranstaltet. Alle 23 Spieler der Nationalmannschaft traten vor die Presse, jeder von ihnen setzte sich an einen Tisch mit acht Stühlen. Die Resonanz war auf beiden Seiten gut. Wie sagte doch Oliver Bierhoff: „Wir wollen Spieler, die etwas zu sagen haben.“

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