Sport : Mental erschöpft

Hannover 96 gibt bekannt, dass sich Ersatztorhüter Markus Miller wegen eines Burnouts in Behandlung begibt

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Dritter Mann in Hannover. Markus Miller kam 2010 vom Karlsruher SC, bei 96 spielte er nach einer Verletzung nie. Foto: dapd
Dritter Mann in Hannover. Markus Miller kam 2010 vom Karlsruher SC, bei 96 spielte er nach einer Verletzung nie. Foto: dapdFoto: dapd

Wieder ein Torhüter? Wieder Depressionen? Als Martin Kind am Montag die Öffentlichkeit informierte, dass sein Verein auf unbestimmte Zeit auf Ersatztorhüter Markus Miller verzichten muss, versuchte er, der schlechten Nachricht etwas Positives abzugewinnen. „Der Schritt ist ein großes Zeichen von Mut. Markus Miller hat in einem Klub, der ein furchtbares Erlebnis mit einem persönlichen Schicksal durchgemacht hat, bewusst den Gang an die Öffentlichkeit gewählt und klare Fakten geschaffen“, sagte der Präsident von Hannover 96. „Sein Entschluss verdient allerhöchsten Respekt.“ Fast zwei Jahre nach dem Suizid des von Depressionen geplagten Torhüters Robert Enke musste Kind erklären, dass Miller wegen mentaler Erschöpfung in stationärer Behandlung ist. Im Jahr 2007 hatte Sebastian Deisler seine Karriere wegen Depressionen beendet.

Die Praxis von Martin Braun, der in Gelsenkirchen als Psychologe, Arzt und Psychotherapeut arbeitet, ist zum Zufluchtsort für Miller geworden. Nach langem Schweigen hatte sich der 29-Jährige entschlossen, seinen Arbeitgeber und die Öffentlichkeit über seine Probleme zu informieren. „Seit meiner Profizeit als Torhüter arbeite ich mit Hochdruck daran, engagiert und immer mit vollem Einsatz meine Leistungen auszubauen, zu optimieren und auf höchstem Niveau zu halten. Seit einiger Zeit habe ich immer seltener das Gefühl, dass ich der Mannschaft wirklich helfe oder etwas Wesentliches bewirke“, heißt es in einer Pressemitteilung des Klubs, in der Miller zitiert wird. Für weitere Rückfragen steht der Familienvater, der sich nach Rücksprache mit seiner Frau zu einer stationären Behandlung entschlossen hat, nicht zur Verfügung.

Wie gut es den Verantwortlichen von Hannover 96 gelingt, Miller, dessen Familie und die aktuellen Spieler vor Trubel zu bewahren, ließ sich gestern nur erahnen. Als Kind einen kleinen Kreis von Medienvertretern in einem Besprechungsraum neben dem Stadion informierte, hatten sich vor diesem bereits Kameraleute versammelt, um durch die Jalousien ein paar interessante Bilder zu erhaschen. Der Präsident bat die Medien um Zurückhaltung, verriet aber auch, dass er Robert Enkes Witwe über die Entwicklungen im Fall vorab informiert habe. Die Enke-Stiftung würdigte Millers Umgang und teilte mit, „diesen Schritt mit aller Offenheit und Ehrlichkeit publik zu machen“, verdiene „höchste Anerkennung“.

Ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet auch Trainer Mirko Slomka, der die angeblich ahnungslosen Spieler erst nach deren Übungseinheit am Nachmittag über den Gesundheitszustand von Miller informierte. Den auf Reisen befindlichen Nationalspielern erklärte der Coach per Handy, dass ihr Mitspieler wegen mentaler Erschöpfung und eines beginnenden Burnouts erst mal nicht mehr zur Verfügung steht. „Wir stärken und schützen Markus Miller, weil er sich mit aller Offenheit seinen psychischen Schwierigkeiten stellt, die unverändert in unserer Gesellschaft als Tabuthema behandelt werden“, sagte Sportdirektor Jörg Schmadtke. „Oberste Priorität hat für uns alle, dass Markus Miller von seinen Ärzten erfolgreich behandelt werden kann.“ Von der Verpflichtung eines Ersatzmannes für den verhinderten Ersatzmann sieht der Klub vorerst ab.

Der Blick auf die wechselhaft verlaufene Karriere des Markus Miller lässt zumindest erahnen, dass auch die Unzufriedenheit sein ständiger Begleiter gewesen sein dürfte. 2007 hatte sich der Schlussmann im Trikot des Karlsruher SC das hintere Kreuzband gerissen, was ihm den Weg zu besseren Adressen des bezahlten Fußball vorerst verbaute. Mit seinem Wechsel zu Hannover 96 im Sommer 2010 sollte ein Weg der Besserung und Stabilisierung gelingen. Aber über den Status des Reservisten war Miller im Kreis der potenziellen Nachfolger von Enke nie hinausgekommen. Nach Florian Fromlowitz, der zunächst die neue Nummer eins im Tor der Niedersachsen war, hat sich gerade der 22 Jahre alte Ron-Robert Zieler durchgesetzt. Dass Miller unter seiner Rolle als Profi ohne realistische Chance auf einen Einsatz besonders zu leiden hatte, verweisen die Verantwortlichen von Hannover 96 in den Bereich von Spekulationen. Die Gespräche mit ihm hätten vielmehr ergeben, dass der in der Jugend und bei den Amateuren des VfB Stuttgart groß gewordene Schlussmann seine Probleme schon längere Zeit mit sich herumgetragen habe.

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