Sport : Mental unverwundbar

Die Belgierin Justine Hénin-Hardenne hat keine Angst mehr, auch mal zu verlieren – und gewinnt neuerdings nur noch, auch die US Open

Matthias B. Krause

New York. Es geschah in einer Kunstpause während einer dieser endlos langen Funktionärsreden. Gerade hatte der Herr im dunklen Anzug davon gesprochen, wie souverän die Belgierin Justine Hénin-Hardenne die US Open beherrscht habe, da rief ein Fan mit Leibeskräften in das Rund: „Serena!“. Die fast 23 000 Zuschauer im Arthur-Ashe-Stadion lachten, selbst die Siegerin rang sich ein Lächeln ab. So viel war im Vorfeld über den Wert des diesjährigen Meistertitels angesichts der Abwesenheit der beiden Williams-Schwestern gesprochen worden. Doch nun, da die junge Belgierin den Silberpokal in Händen hielt, konnte es keine Zweifel mehr geben. Hénin-Hardenne darf sich mit Fug und Recht als neue Tennis-Queen fühlen. Sie eroberte die Herzen der Zuschauer mit ihrem sagenhaften Halbfinal-Match gegen Jennifer Capriati, um dann, kaum 18 Stunden später, ihre Landsfrau Kim Clijsters niederzukämpfen. 7:5, 6:1 gewann sie das Finale.

Noch am Morgen hatte es danach ausgesehen, als müsse Hénin-Hardenne ihr drittes Grand-Slam-Finale nach Wimbledon und Paris in diesem Jahr absagen. Heftige Krämpfe hatten sie beim Halbfinale geschüttelt, ihre Endspielteilnahme galt, laut ärztlichem Bulletin, nach dem 182-Minuten-Match gegen Capriati als „ungewiss“. Doch pünktlich um 20 Uhr Ortszeit erschien die 21-Jährige – halbwegs fit und definitiv munter – zum Aufschlag gegen Clijsters. Die ersten Spiele sahen noch ein wenig steif aus, danach jedoch zeigte die nur 163 Zentimeter große Belgierin ihre Qualitäten als Dauerläuferin. Sie hat aber nicht nur schnelle Beine, sondern auch die wohl beste Rückhand, die derzeit im Frauentennis zu finden ist. Und schon im Halbfinale der French Open, in dem sie Serena Williams’ 33 Spiele währende Serie beendete, zeigte Hénin-Hardenne, dass sie mittlerweile ihre Vorhand so hart übers Netz ballern kann wie sonst nur die dominierenden Williams-Schwestern.

Wo sie die körperliche Kraft hernimmt, wird wohl ein Rätsel bleiben, die mentale Stärke zeichnet sie schon seit Jahren aus. Dazu, so scheint es, hat sie auch der eigene holprige Lebensweg stark gemacht. 1995 starb ihre Mutter an Krebs, kurz danach nabelte sie sich konsequent vom Vater ab, weil der sie zu sehr einengte. Ihr eigenes, enges persönliches Biotop besteht nun aus ihrem Ehemann Pierre-Yves und ihrem Trainer Carlos Rodriguez. Dazu kommt Fitness-Coach Pat Etcheberry, der sie vor der Saison über den Strand und durch die Dünen scheuchte, dass ihr manchmal die Tränen in den Augen standen. „Erinnere dich an diese Momente, wenn du den Pokal in die Luft stemmst“, gab er ihr mit auf den Weg.

Sie hat es nicht vergessen. Auch nicht, als sie nach dem Halbfinale, in dem sie nicht weniger als zehn Matchbälle Capriatis abwehrte, krampfgeschüttelt mit Infusionen behandelt werden musste. Erst gegen drei Uhr in der Nacht konnte sie das National Tennis Center in Flushing Meadows Richtung Hotel verlassen, fast zwei Stunden später fand sie endlich Schlaf. Der dauerte allerdings nur bis 8.30 Uhr. „Das Match gegen Capriati war immer noch in meinem Kopf“, bekannte Hénin-Hardenne. So sehr es auch an ihren physischen Kräften gezehrt hatte, mental scheint es sie unverwundbar gemacht zu haben. „Ich spiele einfach“, sagt sie über ihre neue Einstellung. „Ich bin frei, ich habe keine Angst mehr zu verlieren, und ich bereue Niederlagen nicht.“

Im Augenblick gibt es jedoch nur Siege zu feiern. In der neuen Weltrangliste wird sie die Nummer zwei sein: hinter Clijsters, vor Serena Williams. Doch anders als ihre Landsfrau muss sie nicht mit dem Makel leben, keinen einzigen Grand Slam gewonnen zu haben und ihre Position nur einer geschickten Turnierplanung zu verdanken. „Ich habe allen bewiesen, dass mein Sieg in Paris kein Zufall war“, sagte Hénin-Hardenne.

Mindestens genauso wichtig wie der Titel und die eine Million Dollar Preisgeld aber dürfte der Imagegewinn sein, den sie mit nach Hause nimmt. Im eigenen kleinen Land längst hoch geachtet und als Auszeichnung für ihre Verdienste auch schon beim König empfangen, eilte ihr im Tenniszirkus der Ruf voraus, nicht immer mit fairen Mittel zu arbeiten. Serena Williams beklagte sich im Halbfinale in Paris über die Sperenzien, die Hénin-Hardenne aufführte. Clijsters monierte damals die Behandlungspausen, die sich ihre Gegnerin im Finale gönnte. In der Vorschlussrunde von Flushing Meadows nun, sichtbar von Krämpfen geschüttelt, verzichtete Hénin-Herdenne bewusst auf die Dienste des Arztes: „Das war ein großer Fehler. Aber die Leute haben so viel Schlechtes über mich gesagt, ich wollte allen beweisen, dass ich eine faire Spielerin bin.“

Ihren Malus ist sie nun los. An einem anderen wird sie allerdings noch arbeiten müssen. Neben den schillernden Williams-Schwestern gilt die Belgierin als blass und spröde. Gefragt, wie sie den großen Triumph feiern werde, stellte sie ganz sachlich fest: „Das liegt mir nicht besonders. Ich will einfach nur nach Hause. Sechs Wochen in Amerika waren eine lange Zeit.“ Doch selbst diesen Fauxpas mochten ihr die Amerikaner, die ihr Land notorisch für den Himmel auf Erden halten, dieses Mal verzeihen.

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