Sport : Messi, Maradona, Magie

Angeführt vom Star siegt Argentinien 1:0 gegen Nigeria und vereint in einem schönen Spiel Glanz und höchste Disziplin

Tim Jürgens[Johannesburg]
Im Tiefflug zu drei Punkten. Argentiniens Verteidiger
Im Tiefflug zu drei Punkten. Argentiniens VerteidigerFoto: dpa

Hoffentlich hatte Diego Maradona seine Herztropfen eingesteckt. Denn dem Freund pathetischer Worte und großer Gesten muss vor dem Spiel ordentlich die Pumpe gegangen sein. Nicht nur wegen des ersten Auftritts seines Teams vor fast heimischer Kulisse – gefühlte zwei Drittel des Stadions waren in argentinischer Hand. Auch wegen des geheiligten Rasens, auf dem sein Dreamteam die WM-Premiere gab. Immerhin hatte im Ellis-Park-Stadion, das inzwischen den Namen eines Brauseherstellers trägt, 1995 die südafrikanische Rugbymannschaft mit einem Finalsieg gegen Neuseeland eine identitätsstiftende Tat für die Nation vollbracht.

Für den ergrauten und in feinen Zwirn gewandeten Trainer der argentinischen Nationalmannschaft sollte der heilige Boden – zumindest was die Taktik betraf – ein großer Schritt zur Wiederherstellung seines guten Rufes werden. 1:0 (1:0) gewannen Maradonas Argentinier im ersten Gruppenspiel gegen Nigeria – und boten dabei eine eindrucksvolle Demonstration argentinischer Hegemonie im internationalen Fußball. „Wir haben ein wichtiges Spiel gewonnen und sind auf dem richtigen Weg“, sagte Maradona nach der Begegnung. „Wir können der nächsten Partie gelassen entgegensehen.“

Für einen Sieg zum Auftakt überließ der argentinische Coach Maradona nichts dem Zufall: Er bot gleich seinen 83-Tore-Sturm aus Lionel Messi (34 Meisterschaftstreffer mit Barcelona), Gonzalo Higuain (27/Real Madrid) und Carlos Tevez (22/Manchester City) auf. Tags zuvor hatte er bezüglich seines lange Zeit infrage gestellten Verhältnisses zu seinem Superstar ein für alle Mal klargestellt: „Ich wünsche mir von ganzem Herzen für Leo, dass er ein großartiger Hauptdarsteller und der Beste der Welt aller Zeiten sein wird.“ Nach dem Auftritt gegen die Nigerianer konstatierte Maradona nun, dass sein Star mal wieder gezaubert habe.

Gleich mehrfach tauchte der quirlige Messi vor dem Tor des Gegners auf, scheiterte aber immer wieder. Seine aussichtsreichste Gelegenheit hatte der 22 Jahre alte Stürmer in der 37. Minute mit einem platzierten Schuss in den Winkel, den Nigerias Torwart Vincent Enyeama mit einem tollen Reflex allerdings noch erwischte. Überhaupt war Keeper Enyeama das Aufregendste aufseiten der Nigerianer: Immer wieder löste er bei Messi mit spektakulären Paraden Unmut aus. „Das war meine beste Leistung gegen den besten Spieler der Welt. Dafür danke ich Gott“, sagte Enyeama. Nur in der sechsten Minute musste er sich geschlagen geben. Argentiniens Verteidiger Gabriel Heinze drückte fast unbedrängt einen Eckball von Juan Veron mit einem spektakulären Flugkopfball vom Elfmeterpunkt in den Winkel. Und Diego Maradona ließ erst mal mächtig Luft ab und ging mit der nahe stehenden Kamera in den Clinch.

Dieser Explosion sollten noch viele folgen – immer wieder haderte er mit den Entscheidungen des Schiedsrichterteams um den Deutschen Wolfgang Stark. Aber auch das konnte die Spielfreude, mit der Maradonas Profis Fußball zelebrierten, nicht beeinträchtigen. Argentiniens schmächtiger Superstar Messi, der in Veron seinen idealen Back-up und Passgeber im Nationalteam gefunden zu haben scheint, stellte mit seinen Dribblings Nigerias Defensive immer wieder vor Probleme. Nigerias schwedischer Trainer Lars Lagerbäck sagte nach dem Spiel: „Ich bin stolz auf meine Mannschaft, aber natürlich enttäuscht über das Ergebnis.“

Gegen so viel argentinische Eleganz kam lediglich eine Gruppe südafrikanischer Highschool-Kids an, die auf dem Unterrang fast 90 Minuten unentwegt den regionalen „Diski-Dance“ gab und dabei wacker das Team Nigerias anfeuerte. All das passte gut zu dem lässigen Shuffle, mit dem Argentinien die ersten drei Punkte bei dieser WM holte.

Und Maradona fühlte sich nach zahllosen Eskapaden sichtlich wohl damit, zurück auf der Weltbühne des Fußballs zu sein. Er dürfte sich nach dem Spiel, seiner Gewohnheit entsprechend und entgegen dem Wunsch seiner Ärzte, noch vor dem Zubettgehen eine Cohiba angesteckt haben. In der festen Gewissheit: Sein Team spielt wie ein Weltmeister und sein Star mindestens so wie er selbst – damals 1986 im Zenit seines Schaffens.

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