Sport : Messi schießt Geschichte

Der Argentinier erzielt für Barcelona nach einem Solo über das halbe Feld ein Jahrhunderttor wie es bisher nur Maradona gelang

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Zwölf Sekunden dauerte es. Zwölf Sekunden, in denen der Argentinier Lionel Messi alles auf einmal zeigte, was ein Fußball-Genie ausmacht: Dribbelkunst, Körpertäuschungen, Kondition und Präzision beim Abschluss. Schon für sich gesehen war sein Tor zum 2:0 beim 5:2-Sieg des FC Barcelona gegen den FC Getafe im Halbfinal-Hinspiel des spanischen Pokals ein Kunstwerk. Doch historisch wurde es erst dadurch: Maradona hatte bei der WM 1986 ein Tor erzielt, das wie eine Vorlage für Messi aussah und bis heute als sein bester Treffer gilt. Schon oft wurde Messi als Nachfolger seines Landsmanns Maradona bezeichnet. Jetzt hat er diese Vorhersage wohl eingelöst.

Die 53 000 Zuschauer im Stadion Camp Nou hatten am Mittwochabend nur für ein Pokalspiel bezahlt. Doch sie sahen ein Stück Fußball-Geschichte. Noch in der eigenen Hälfte bekam der 19 Jahre alte Messi in der 29. Minute den Ball. Dann begann er einen Sturmlauf, in dessen Verlauf er vier Gegenspieler ausdribbelte, den Torwart verlud und über das Bein eines heraneilenden Verteidigers ins Tor traf. Die Radioreporter schrieen 16 Mal „Goooool“, und riefen danach verzückt: „Das ist Maradona, das ist Maradona.“ Die Zuschauer im Stadion schwenkten weiße Taschentücher wie beim Stierkampf, wenn sie dem Torero als Zeichen der höchsten Ehrerbietung das Ohr des Stiers zuerkennen.

Messis Aktion ist einmalig. Einmalig bis eben auf das Tor Maradonas 1986, das vom Welt-Fußball-Verband Fifa 2002 zum „WM-Tor des Jahrhunderts“ gewählt wurde. Es gelang Maradona in einem besonders brisanten Spiel. Das WM-Viertelfinale gegen England war nach dem Falkland-Krieg politisch aufgeladen. In dieser Begegnung zeigte Maradona zwei Gesichter. Beim 1:0 für Argentinien in der 51. Minute beförderte er den Ball mit der Hand ins Tor und sprach später davon, es sei die „Hand Gottes“ gewesen. Nur vier Minuten später demonstrierte er statt faulem Zauber größte Magie, indem er über das ganze Feld dribbelte und traf. Argentinien gewann 2:1.

Nun ist sein Tor noch einmal geschossen worden, vielleicht ist Messis Treffer sogar noch besser als das Original. Jorge Valdano, der mit Maradona 1986 in Mexiko Weltmeister wurde, sagte: „Maradona musste während seines Dribblings Pausen einlegen, Messi dagegen wurde immer schneller.“ Die Tageszeitung „El País“ schrieb: „Messis Fußball fängt da an, wo der von Maradona aufgehört hatte.“

Überhaupt übertrafen sich die Zeitungen mit ihren Hymnen. „Museumsmessi“, schrieb „La Vanguardia“, die größte katalanische Tageszeitung. „Ein Tor, von dem man noch seinen Enkeln erzählen wird, das bei Youtube alle Rekorde brechen wird“, schrieb die Zeitung. In der Tat gab es bis zum gestrigen Abend 25 000 Klicks für das Video von Messis Tor, und es wären wohl viel mehr geworden, wenn nicht die Videos wegen der Urheberrechte aus dem Internet genommen worden wären.

Mit 13 Jahren war Messi er mit seiner Familie nach Barcelona ausgewandert. Dort konnte ihm auch eine Hormonbehandlung gegen seine Wachstumsstörungen ermöglicht werden. Vom Trubel um sein Tor schien der 1,69 Meter große Messi überrascht: „Ich habe einfach gesehen, dass da Platz war und versucht nach vorne zu spielen.“ Maradona sei ihm erst eingefallen, als ihn seine Mitspieler in der Umkleidekabine darauf ansprachen, und Spielmacher Deco lobte, sein Tor sei sogar noch besser als Maradonas. Einen Tag später widmete Messi dann seinen Treffer auch Vorbild Maradona. Bei einer Pressekonferenz nach dem Training lächelte er bescheiden, aber glücklich, so wie ein Schüler nach der besten Klassenarbeit.

Nur einer schien nicht überrascht: sein Vater Jorge Messi. „Leo macht gerne solche Spielzüge“, sagte er, „das hat er schon als kleines Kind gemacht.“

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