Sport : Mich hat das beflügelt*

Mein WM-Moment (13) Die Franzosen sind nicht mal Außenseiter, als sie nach Schweden aufbrechen – doch dann wird die Mannschaft Dritter, und Just Fontaine schießt 13 Tore. Der Rekord des 76-Jährigen ist bis heute unerreicht

Die Saison 1957/58 war für mich und meinen Club Stade de Reims super gelaufen: Wir gewannen das Double aus Meisterschaft und Pokal. In der Liga schoss ich 34 Tore in 26 Spielen, im Pokalfinale traf ich einmal und bereitete zwei Tore vor. Am Tag nach dem Finale feierten wir das Double in der Innenstadt von Reims. Es gab einen Umzug durch die Straßen, die Leute jubelten uns zu. Abends ging es zum Festessen in eine Champagnerkellerei. Da hatten wir Nationalspieler unsere Koffer für die Reise zur WM nach Schweden schon gepackt. Gegen drei, vier Uhr morgens wurden wir per Bus direkt zum Flughafen Paris- Orly gebracht.

Das Grundgerüst der französischen Nationalmannschaft kam damals aus Reims: Jonquet, der Mittelläufer. Penverne im Mittelfeld. Vincent, Piantoni und ich im Angriff. Und natürlich Kopa, der zwar bei Real Madrid spielte, aber in Reims fußballerisch ausgebildet worden war. Dazu kam der Ersatztorwart Colonna, der aber kein Spiel machte. Auch unser Nationaltrainer Albert Batteux war Rémois – und blieb gleichzeitig Trainer von Stade de Reims. Wir übernahmen also unser Spielsystem aus dem Verein. Das ähnelte dem, was Barça heute – natürlich besser als wir damals – macht: volle Offensive. In sechs WM- Spielen haben wir 23 Tore gemacht und 15 kassiert.

Nachdem wir mit dem Bus in Orly angekommen waren, riefen mich der Sélectionneur Paul Nicolas, der Chef des Gremiums, das damals die Nationalspieler auswählte, und Albert Batteux zu sich. „Du bist für die Gruppenspiele als Mittelstürmer gesetzt“, sagten sie. Nicolas war ein strenger, aber väterlicher Sélectionneur und in den 1920er Jahren ein großer Mittelstürmer gewesen, auch in der Nationalmannschaft. Wenn solch ein Mittelstürmer einem anderen Mittelstürmer sagt, er ist gesetzt, dann heißt das, dass er ihm wirklich vertraut. Mich hat das beflügelt. Alles andere, alles, was danach kommen sollte bei der WM, ist die Konsequenz dieses kleinen Gesprächs.

Wir flogen schon eineinhalb Monate vor Beginn des Turniers zur Vorbereitung nach Schweden. Die französische Presse lästerte, wir seien als Erste hingefahren, weil wir sicherlich auch als Erste ausscheiden würden. Wir galten so was von gar nicht als Favorit, ja, wir waren noch nicht mal Außenseiter. Im ersten Spiel trafen wir auf Paraguay, die laut französischer Presse Fußball von einem anderen Stern spielten. Wir gewannen 7:3. Allerdings stand es eine halbe Stunde vor Schluss noch 3:3. Ich machte in dem Spiel drei Tore und bereitete zwei vor. Damit kamen die Mannschaft und ich so richtig in Schwung.

Nach den Vorrundenspielen kamen wir als Gruppenerster weiter, und ich war zwischenzeitlich durch sechs Tore unentbehrlich geworden. Im Viertelfinale gegen Nordirland machte ich meine Tore sieben und acht, im Halbfinale glich ich nach neun Minuten die Führung der Brasilianer aus. Es heißt ja oft, damals sei Toreschießen einfacher gewesen als heute. Ah bon?, sage ich dann. Wie viele Tore hat denn Brasilien in den vier Spielen bis zum Halbfinale kassiert? Kein einziges! Leider hat sich Jonquet gegen Brasilien schon nach rund 20 Minuten das Bein gebrochen. Damals durfte man noch nicht wechseln. Total idiotisch! Wir mussten zu zehnt zu Ende spielen und verloren 2:5.

Im Spiel um Platz drei gegen Deutschland gelang mir das 1:0. Kurz darauf bekamen wir einen Elfmeter: Wenn ich ihn reinmache, stelle ich den Rekord von Sándor Kocsis ein, der bei der WM 1954 elf Tore erzielt hatte. Aber der Rekord war damals allen egal. Denn es gab noch nicht den goldenen Schuh für den besten Torschützen des Turniers. Der wird erst seit der WM 1982 vergeben. Also hat wie üblich Kopa den Elfmeter geschossen. Ich erzielte trotzdem noch drei Tore zum 6:3.

Mein Rekord von 13 Toren in einem Turnier gilt jetzt schon seit 52 Jahren und 13 Turnieren. Aber ehrlich gesagt: Heute wird über den Rekord mehr geredet als damals. Richtig wertvoll wurde er erst mit der Zeit. Wie eine gute Flasche Bordeaux.

Aufgezeichnet von Matthias Sander.

* WM 1958, Just Fontaine

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