Sport : „Mich kann keiner übers Ohr hauen“

Sebastian Vettel ist sein eigener Manager. Der Trainingsschnellste von Monza über die Führungsqualitäten eines Formel-1-Piloten

Herr Vettel, Sie sind schnell auf der Strecke, aber jetzt eine Viertelstunde zu spät.

Ja, wir haben ja eigentlich einen Plan, was am Tag so zu tun ist. Aber da kam noch was Wichtiges dazwischen, und ich hatte das nicht auf dem Spiegel.

Vielleicht würde Ihnen ein Manager helfen, Ihren Terminplan im Auge zu behalten. Es ist eher ungewöhnlich für einen Formel-1-Piloten, sich selbst zu managen.

(Lacht) Naja, ich glaube, ich hätte den Termin auch mit Manager verpennt.

Abgesehen von der Pünktlichkeit müssten Sie der Traum eines jeden Formel-1-Teamchefs sein: jung, schnell, aufstrebend, managerlos – man kann Sie beim Gehalt wunderbar übers Ohr hauen.

Ich weiß nicht. Ich denke nicht, dass man mich übers Ohr hauen kann.

Aber man stellt sich vor, dass Sie bei Vertragsverhandlungen so wie jetzt in kurzen Hosen und Flip-Flops einer Armada aus Topmanagern in Nadelstreifen gegenübersitzen.

Ganz so ist es nicht, auch wenn ich da vielleicht tatsächlich mit kurzen Hosen und Flip-Flops sitze. Aber ich bin nicht ganz alleine. Ich habe Leute um mich herum, die mich beraten und die ich immer um Rat fragen kann – meine Familie und auch gute Freunde. Und ich habe wie Fahrer mit Manager auch einen Anwalt der prüft, ob das Ganze korrekt ist.

Woher wissen Sie denn, was Sie fordern können? Fragen Sie andere Fahrer, wie die Kurse gerade stehen?

Ja, schon. Gerhard Berger hat mir zum Beispiel viele Tipps gegeben. Er hatte ja damals als aktiver Pilot auch keinen Manager und kann mir deshalb gut weiterhelfen.

Aber er ist auch Ihr jetziger Teamchef.

Es geht ja auch nicht nur ums Geld. Es gibt noch viel mehr Sachen drumherum, die es abzuklären gilt.

Warum haben Sie eigentlich keinen Manager?

Es ist nicht so, dass ich jetzt sage: Um Gottes Willen, so was brauche ich nicht. Es hat sich halt nie ergeben, es gab nie Bedarf. Es hat sich immer irgend jemand aus dem Team um mich gekümmert, bei Red Bull war es der Motorsportbeauftragte Helmut Marko, bei BMW Teamchef Mario Theissen. Die haben auf mich aufgepasst und mich irgendwie auch großgezogen. Bis jetzt dringen auch nicht so viele Sachen auf mich ein, dass ich das nur noch mit einem Manager bewältigen kann. Vielleicht findet sich irgendwann mal jemand. Aber es muss eine Person sein, der man vertraut und die man gut kennt.

Haben Sie bis dahin ein eigenes Büro, in dem Sie abends nach dem Rennen Ihre Steuererklärung machen?

Nein. Es gibt natürlich Papierkram, aber das Meiste läuft mittlerweile sowieso über E-Mails. Beim Buchen der Flüge und der Hotels hilft mir das Team. Es gibt noch ein, zwei andere Sachen, die ich selbst organisieren muss, aber dafür brauche ich kein Büro.

Nächste Saison wechseln Sie zu Red Bull. Derzeit sind Sie im kleinen Schwesterteam Toro Rosso schneller – in Monza starten Sie sogar von der Poleposition. War der Wechsel eine strategische Fehlentscheidung?

Das glaube ich nicht. Es ist ganz normal, dass es auch mal Phasen gibt, in denen es nicht so läuft, man kann das nicht von ein paar Rennen abhängig machen. Ich denke nach wie vor, dass Red Bull das bessere Team als Toro Rosso ist.

Braucht man eine Strategie, einen Plan, um im Leben erfolgreich zu sein?

Man muss schon eine Vorstellung haben, was man will. Weniger einen konkreten Plan, in dem man festlegt: Dieses Jahr bin ich hier, nächstes Jahr muss ich da sein. Aber man muss zum richtigen Zeitpunkt wissen, wo es lang gehen soll. Man muss auch sehr kritisch zu sich selbst sein und wissen, wo seine Schwächen und Stärken liegen. Es bringt nichts, sich selbst anzulügen, denn auf Dauer bringt einen das nicht nach vorn.

Ist die Formel 1 eine gute Schule für junge Menschen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen?

Nicht nur die Formel 1, der Motorsport generell, angefangen vom Kartfahren. Auf der einen Seite bin ich vielleicht noch ein Kindskopf, ein 21-Jähriger, ich sehe ja auch nicht viel älter aus. Aber auf der anderen Seite habe ich im Motorsport viel mit erwachsenen, älteren Leuten zu tun. Da lerne und reife ich ganz automatisch anders als zum Beispiel meine Klassenkameraden.

Ihr Kollege Nico Rosberg vergleicht den Job eines Formel-1-Piloten sogar mit dem eines Konzernmanagers. Man müsse nicht nur schnell fahren können, sondern die bis zu 1000 Teammitarbeiter führen und motivieren und Ziele ausgeben und durchsetzen. Trauen Sie sich zu, irgendwann mal einen Konzern zu managen?

Warum nicht? Auch andere Sportler sind später ja in Positionen gekommen, die man nicht erahnen konnte. Ich glaube, man lernt in der Formel 1 schon allerhand – auch viele Sachen, die einem während der aktiven Zeit vielleicht gar nicht so auffallen. Ob man damit aber tatsächlich irgendwann in der Lage ist, einen Großkonzern zu leiten, weiß ich nicht. Ich denke, das ist schon noch was anderes. Ein Manager in einer Firma arbeitet vielleicht von acht bis fünf mit einer Stunde Pause dazwischen, und abends ist dann Schluss. In der Formel 1 gibt es keinen geregelten Tagesablauf, jeder Tag ist anders.

Wie lernen Sie, Ihre Mitarbeiter zu führen? Lesen Sie Bücher oder nehmen Sie an Workshops teil?

Ich versuche natürlich, immer weiter zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Aber ich lese keine Bücher zur Mitarbeiterführung. Ich unterteile das auch nicht in Manager und Mitarbeiter, das klingt so komisch.

Aber Sie bekleiden innerhalb des Rennstalls schon eine Führungsposition.

Der Fahrer ist natürlich neben der Leitung der Hauptbestandteil des Teams, das stimmt. Er hat sehr viel Verantwortung und auch sehr viel Macht. Und er hat einen großen Einfluss auf die Stimmung. Es macht schon sehr viel aus, wie ich morgens in die Garage komme, ob ich glücklich aussehe oder nicht. Das schwappt leicht auf das Teams über.

Verbreiten Sie gezielt gute Laune, um das Team zu motivieren?

Nein, ich denke nicht so strategisch. Ich laufe nicht in die Garage und achte genau darauf, wie ich mich bewege und was ich sage, um bestimmte Sachen zu erreichen. Das muss von Innen kommen. Jeder, der da versucht zu schauspielern, fliegt früher oder später auf.

– Das Gespräch führte Christian Hönicke.

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