Sport : „Michael hat den natürlichen Speed“

Wie Schumachers ehemaliger Teamgefährte Martin Brundle die Karriere des Weltmeisters erlebt hat

Karin Sturm

Suzuka. Kaum einer hat den Weg von Michael Schumacher so lange aus nächster Nähe verfolgt wie Martin Brundle. 1992 bei Benetton, in Schumachers erster kompletter Formel-1-Saison, war er sein Teamkollege und erfuhr aus nächster Nähe, was es bedeutet, gegen ein Ausnahmetalent anzutreten. Und auch später verlor er Schumacher nie aus den Augen – Brundle ist bis heute als Kommentator des englischen Fernsehens und als Manager von David Coulthard ständig in der Formel 1 präsent.

Wenn er sich an die erste Zeit mit Michael Schumacher erinnert, fallen ihm sofort ein paar besondere Eigenschaften Schumachers ein: „Er hatte schon von Anfang an den natürlichen Speed, war unheimlich fokussiert und hatte auch ein sehr großes Selbstvertrauen. Ich war damals manchmal überrascht, wie offensiv, fast sogar aggressiv, er seine Position vertreten hat. Er hat immer auf seiner Meinung beharrt, selbst wenn er offensichtlich falsch lag.“ Das habe sich aber im Laufe der Zeit, mit wachsender Erfahrung und dem Erfolg, geändert.

Einmal drängte Schumacher in Ungarn Brundle sogar von der Strecke. „Ich hatte im Rennen meistens ein besser abgestimmtes Auto und konnte damals noch meine Erfahrung ausspielen – das gefiel ihm natürlich nicht.“ Viele Jahre später habe sich Schumacher dafür dann bei ihm entschuldigt und gesagt, dass ihm jetzt klar sei, dass das unter Teamkollegen keine akzeptable Aktion gewesen sei und er so etwas nicht mehr machen würde. „Das hat mir imponiert, dass er da doch noch zu mir gekommen ist.“

Schumachers Talent war von Anfang an nicht zu übersehen. „Ich habe schnell gemerkt, dass er mir die Hölle heiß machen würde – und in Zukunft vielen anderen auch. Zu allen sonstigen Fähigkeiten hat er noch etwas mitgebracht, mit dem er einen neuen Standard gesetzt hat: sein extrem hohes Fitness-Niveau. Ich hatte von mir immer gedacht, ich sei fit. Aber 1992, als ich nach einigen Jahren in der Formel 1 wirklich in einem Top-Auto saß, in dem die Belastungen noch höher sind, habe ich gemerkt, dass es nicht reicht. Michael dagegen hatte von Anfang an überhaupt keine Probleme. Ich glaube, über die Jahre hat er diese Stärke noch ausgebaut und auch fast allen heutigen Fahrern noch einiges voraus.“

Hat Schumacher sich während seiner Karriere auch in anderen Bereichen verbessert? „Ich denke eigentlich nicht, dass er im Laufe der 13 Jahre noch wesentlich schneller geworden ist. Speed hat man von Anfang an – oder man hat ihn nicht. Aber er hat gelernt, diesen Speed immer effektiver und kontrollierter einzusetzen.“ Außerdem habe Schumacher es geschafft, rund um sich ein Team aufzubauen, das ihn bedingungslos unterstütze. Und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen – rein sportlich gesehen – bei Ferrari: „Dabei kommt ihm auch die Fähigkeit zugute, ein Team hundertprozentig motivieren zu können, sodass alle wie ein Mann bedingungslos hinter ihm stehen.“ Zum anderen, glaubt Brundle, hat Schumacher auch sein persönliches Umfeld optimal für sich eingerichtet. Das alles mache ihn jetzt zusammen mit der riesigen Erfahrung, die er in seinen vielen Formel-1-Jahren gesammelt hat, zu einem der größten Fahrer aller Zeiten. Genaue Ranglisten aufstellen will der Engländer aber nicht: „Man kann ihn nicht mit einem Fangio oder einem Clark vergleichen, die in einer ganz anderen Zeit gefahren sind. Oder mit einem Senna, dem das Schicksal nicht die Zeit gelassen hat, in einem direkten Duell auf Michael zu treffen.“

Ein negativer Aspekt fällt Brundle auch noch ein: „Es tut mir fast Leid, dass er immer wieder in Aktionen verwickelt war, wo er für meine Begriffe doch einen Schritt über die Grenze gegangen ist, gegen Damon Hill 1994 in Adelaide, gegen Villeneuve 1997. Diese Sachen, die er doch eigentlich gar nicht nötig hätte, werfen einen gewissen Schatten.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben